Immer eifrig, stets getrieben. Durchweg emsig, niemals müde. So könnte man die Szenerie in den Blütenhainen weit oben entlang des Weltensteigs wohl am ehesten beschreiben. Die Fenn ließen keine Zeit verstreichen, jeder einzelne Augenblick wurde von Fleiß begleitet und vollends ausgeschöpft. Und dieser Fleiß war auch notwendig, denn die Westwindphase stand unweigerlich bevor. Wenn der Wind dreht, zeigt Isdraia sein unbarmherziges Gesicht. Unbarmherzig der Flora, Fauna und der Landschaft gegenüber, aber eben auch den Fenn.

Hier oben, wo es höher kaum mehr geht, lebten die Fenn auf vielen kleinen, versprengten Höfen und Farmen. Diese erstrecken sich von Rotbach im Norden bis nach Süden, fast schon bis hin zum Verlorenen Land. Fennquell lag etwa in der Mitte und war auch kulturell der Mittelpunkt für alle, die hier tief im Westen ihr Leben verbrachten. Es hatte auch einen guten Grund, warum ausgerechnet dieses gemütliche Städtchen Dreh- und Angelpunkt der Gegend war. Auch wenn der Begriff Städtchen sicher der Falsche gewesen wäre. Fennquell war eher ein größeres Dorf und zählte nicht mehr Einwohner, als die knappen anderthalbtausend Fenn, die zusätzlich in der Gegend auf besagten Farmen und Höfen lebten. Das Dorfzentrum bot aber sowieso nicht vielen Platz, erst recht nicht vielen Fremden. Die gab es allerdings auch nicht. Sogar menschliche Händler machten in Weiler wieder kehrt. Dort, wo es flacher war. Dort, wo ihre Ochsen oder Pferde noch hinkamen. Denn die geschlängelten Wege, die die steilen Hänge nach Fennquell hinaufführten, brachten Tier und Führer an ihre Grenzen – und oftmals darüber hinaus. Besuch war also seltener als die Neuigkeiten, die dieser mitbrachte.

Auch die Erde kannte in Fennquell nur eine Richtung. Nämlich ein Gefälle nach Osten. So lagen unzählige Schritte und ein ordentlicher Höhenunterschied zwischen den letzten Gebäuden am östlichen und westlichen Rand des Dorfes. Doch erstreckte sich die längere Seite von Fennquell auch eher ein ganzes Stück von Nord nach Süd. Manche Häuser wurden sogar einfach schräg gebaut. Nur das allernötigste an Fundament aus Steinen wurde aufgeschüttet. Hätte man einen runden Leib Käse in die Mitte auf den Boden eines der Zimmer gestellt, wäre er zur Zimmerwand gerollt.
Zweistöckige Häuser waren selten, allerdings gab es sie auch. Da haben sich die Zimmerleute und Handwerker aber auch alle Mühe gegeben. Denn zweckmäßig musste es sein, hier oben am Rand der Welt, nicht komfortabel. Am großen Totem in der Mitte des Dorfes waren vereinzelt sogar dreistöckige Gebäude zu bewundern.

Die kleine Eimh, hier noch ein zarter Bach, kreuzte mehrmals durch Fennquell. Weiter oben im Westen gab es nur noch die alte Wassermühle und eben die Haine am Hang, die ohne die Wurzeln der Lendo- und Penjabäume aber selbst für erfahrene Fenn kaum zu erklimmen waren. Erst die dicken Wurzeln der Bäume ließen es zu, dass die filigransten Fußakrobaten der Fenn nicht abrutschten. Die Penjabäume brachten an den steilen Hängen aber mit Abstand die saftigsten Früchte hervor und waren die Mühe wert.

Wer hier lebte, zog die Beschaulichkeit dem Fortschritt und der Masse vor. Wer hier lebte war fit und gut zu Fuß. Oder war es einst gewesen und wurde nun von der Gemeinschaft mitgetragen und versorgt. Die Gebrechlichen waren fester Teil davon, hatten sie doch über viele Wenden ihren Beitrag geleistet. So stellte sich die Frage gar nicht erst, wie sie hier auskommen sollten, wenn das Alter seinen Tribut verlangt.

Die Fenn des Westens handelten nicht wirklich miteinander, sie tauschten eher, und die allerwenigsten besaßen überhaupt Dars. Damit konnte man schließlich nur in Weiler oder der großen Torstadt etwas anfangen. Da viele Fenn dem Westwind nicht trotzen wollten, zog es sie während dieser Phase gen Osten. Auf ihrem Weg machten sie einiges an Hab und Gut in Weiler zu Geld, um damit bis zur nächsten Windwende über die Runden zu kommen.

Es war stets ein Kulturschock, der seinesgleichen suchte, wenn die Westfenn in das pompöse Kuer reisten. Schließlich war dort wirklich alles anders, dort unten am Rande des Dämmerlichtwaldes. Trotz aller Vorteile Kuers gab es aber diese eine Sache, die man dort vermisste. Das einzige, was selbst die ehemaligen Dorfbewohner, die es dauerhaft in die größte Stadt verschlagen hatte, immer wieder nach Fennquell zurückkehren ließ. Wenn auch nur für wenige Dunklungen. Wer sich fragt, was einen beschwerlichen Marsch über vier Dunklungen bis an den Rand des Weltensteigs rechtfertigt, der hört immer wieder vom Erntefest zur Windwende. Ja sicher, diese Feste gibt es überall, aber in seiner natürlichsten Form eben nur ganz im Westen. Die Früchte sind dann perfekt gereift und der Wein und der Likör am lieblichsten. Die Gesänge, Tänze und alten Geschichten, die an den Feuern zur Dunklung erzählt wurden, machten das Leben dort für kurze Zeit einfach unverwechselbar schön. Die flackernden Schatten an dem Fachwerk der einfachen Häuser, die Gastfreundschaft und das Besinnen auf die alten Tugenden und Traditionen ihres Volkes, ließen selbst einige Städter jede Wende hinaufziehen.

Alleine die Aura, die von den alten Weisen ausging, beeindruckte vor allem junge Fenn aus den östlichen Gebieten. Sie führten hunderte Wenden lang die Geschicke ihres Volkes und hatten Geschichten auf Lager, die irgendwo zwischen Märchen und zu viel Likör ihren Ursprung haben mussten. Eine willkommene Abwechslung zum sonst so stressigen Stadtleben. Jeder Fenn aus dem Westen brachte eine Decke mit hinaus an die Feuerstellen. Diese wurde einem Fenn des Ostens umgelegt, denn diese waren weit weniger mit den kühlen Temperaturen vertraut. Zu den Windwechseln fanden sich hier also einige hunderte Besucher ein, die, wenn auch kurz, zu ihren Wurzeln zurückkehren wollten.

Doch auch ansonsten war es einfach nur malerisch hier oben, als würde sich das ganze Land vor einem verneigen. An klaren Tagen konnte man den großen Zacken sehen, wilde Araks glitten die Hänge hinab, um Wasser und Fisch aus den Teichen oder der Eimh zu schöpfen. Die Sonne wärmte die Haut unglaublich, streichelte sie auf unverfälschte Art. Selbst bei eisigen Temperaturen gab sie den Fenn immer ein Gefühl der Geborgenheit.

Da Fennquell im Westen die einzige Anbindung an eine auch für Karren passierbare Straße hatte, herrschte bis zur Dunklung meist reges Treiben im Dorf. Auch die Bauern der umliegenden Gehöfte kehrten immer wieder ein, um Weizen abzugeben und zum Beispiel Fleisch oder Früchte, Werkzeug oder Kleidung zu holen.

Inmitten der Ostwindphase glichen allerdings die wild zusammengewachsenen Blütenhaine einem regelrechten Schmelztiegel. Wenn die Sonne so richtig brannte, an besonders heißen Tagen, dann hätte man sich doch gewünscht weiter im Osten im Tal zu leben. Aber zwischen den Wenden, zu den Windwechseln und drum herum gab es wohl keinen schöneren Fleck in ganz Isdraia. Bunte Farben der Blätter, verspielte Wolbys, die sich offen auf den Feldern tummelten, die wärmenden Strahlen der Sonne, aber auch eine leichte, frische Brise machten den Zauber des Westens um diese Zeit aus. Dazu der Blick hinunter ins Tal.

Die graue Wand aus rauem Felsen, die sich wie eine schützende Mauer hoch bis in die Wolken erstreckte, war das Schild, das den Fenn den Rücken freihielt. Der Anblick, wenn man die letzten Kurven nahm und so weit nach oben schauen konnte, bis das Genick sich weigerte, erzeugte ein behagliches Gefühl von Heimat. So unerträglich heiß es zur Ostwindphase war und so wunderschön es sich zum Windwechsel hier lebte, so rau und gefährlich war der Westwind hier oben am Nabel der Kultur.

Zwar wurden die Fenn durch die riesige, unüberwindbare Bergkette weitestgehend vom eisigen Wind verschont und mussten sich nicht mit den heftigsten Böen messen, doch verlangte die Lage den Bewohnern hier dennoch alles ab. Es wurde kalt. Bitterkalt. Eiskalt. Die Oberfläche der Eimh fror komplett zu und viele Fische machten sich in die wärmeren Gewässer des Ostens auf. Wer nun aber denkt, dass alle Tiere vor der Kälte flohen, der irrt. Bentos und vor allem Raubbären wurden auf ihrer Suche nach Nahrung nah an das Dorf getrieben. Viel zu nah. Ein Raubbär war bei Ostwind schon ein angsteinflößender Gegner. Doch in der Kälte des Westwindes wuchs er sogar noch. Und das so sehr, dass die Miliz und wenigen Wachen vor jeder Dunklung Fendiril um Beistand und Schutz anbeteten.

Aber nicht nur die wilden Tiere, der ausbleibende Ertrag der Ernte und die Anfälligkeit der Speicher der Ortschaft machten diese Zeit so gefährlich. Gewitter und Schnee waren wohl die größte Sorge. Schon einmal brannten nach einem Blitzeinschlag mehrere Speicher ab — und damit auch die Lebensmittel. Auch wurde der Weg nach Weiler und hinab ins Tal unpassierbar. Die Höfe außerhalb des Dorfes wurden weitestgehend aufgegeben und sich selbst, dem Schnee und der Kälte überlassen. Zu gefährlich wäre es, ohne Schutz auf sich gestellt dort zu leben.
Einzig Gommar Weißentrotz weigerte sich immerfort, seinen Hof zu verlassen. Der alte Bauer, der vorrangig Weizen anbaute, lebte auf seinem Gehöft südlich von Fennquell. Seine missmutige und störrige Art war weit bekannt, ebenso seine strikte Weigerung, bei egal welchen Witterungen in das Dorf zu ziehen. Daher rührte auch sein Name.

Allgemein verdienten sich die Fenn ihren Zunamen. Oder bekamen ihn entgegen ihres Willens von anderen zugesprochen, wie es dem guten Tork dem Stummel zuteilwurde. Dieser fand bis heute noch keine Frau. Auch ist es nicht unüblich, dass Fenn bis ins hohe Alter nur den Namen tragen, den die Eltern sich erdacht haben. Aber dann gibt es manchmal noch den Zunamen, der auf Leistungen beruht, wie zum Beispiel bei Mendo Hüterhain. Oder aber Namen, die traditionell weitergegeben wurden oder mythischen Hintergrund haben, wie bei Garda von Dornring.

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