Noch 16 Dunklungen bis zur Windwende

Ein letztes Mal schloss er die Augen, ballte seine Faust so fest er nur konnte um die Zügel und machte noch einen Schritt, ehe er die Augen wieder öffnete. Da war er, der beste Ausgang aller erdenklichen Möglichkeiten. Ein smaragdgrünes Leuchten schimmerte ihm entgegen, das selbst die Hörner des störrischen Rhans grünlich funkeln ließ.

„Da sind wir, ihr beiden“, sagte Bardabas, während er Mamo erleichtert tätschelte. Die Felswände gaben ihn, die beiden Ochsen und den Wagen frei und entließen sie ins Dunkel, das nun von dem grünen Schimmer erhellt wurde und sie anzog wie ein Köder einen Fisch. Sie liefen auf den halbrunden Eingang zu, aus dem dieses friedliche Grün herausstrahlte. Er schnaufte kräftig durch. Die ganze Anspannung fiel hier von ihm ab. Der Zuchtschatten, so nannte man das Gebirge hier, war eine einzige Gefahr. Vor allem, wenn man entweder eine Mahlzeit für ein Gankrok oder ein Rudel Schandmäuler darstellte, wie er und die beiden Ochsen das zweifelsfrei taten, oder genug Dars dabeihatte, um ausgeraubt und getötet zu werden, was anhand der Menge in seinen Beuteln ebenfalls zutraf. „Die erste Hürde ist geschafft. Los ihr zwei, vorwärts!“, spornte er seine Tiere an, die gleich Fahrt aufnahmen. Nun, kurz vor ihrem Ziel, war die Wahrscheinlichkeit verschwindend gering, doch noch dem Tod ins Auge sehen zu müssen. Soweit die Augen reichten, erhob sich die Wand des Trer vor ihnen und verloren sich erst weit oben im dunklen Himmel. Einzig das Schimmern erhellte die Umgebung und lud sie geradezu ein.

Grelles Grün blendete ihn fast schon und er zwang sich, seinen Arm vor die Augen zu halten und dennoch die beiden Ochsen auf Kurs zu halten. Mamo drehte nach innen und der nicht minder unkoordinierte Rhan tat es ihm gleich, was zu einem dumpfen Geräusch führte, wann immer die beiden Schädel der dusseligen Tiere aneinanderstießen. „Ruhig, ihr beiden. Wir sind gleich da, jetzt müssen wir nur noch einmal clever sein und…“, und prompt wurde er beim Flüstern unterbrochen, als eine der morgathaler Wachen zu ihm rief: „Was wollt ihr hier?“

Bardabas nahm den Arm runter und beugte sich etwas vorn über, um die Geste des Respekts zu erweisen. Dazu legte er seine linke Hand auf den Rücken und zog mit der rechten seine Kopfbedeckung runter. „Die stramme Kriegerelite von Morgathal. Es tut wie immer gut, euch zu sehen. Der Weg war nicht gerade ungefährlich, doch nun beschleicht mich ein Gefühl der Sicherheit“, sagte er in unterwürfigem Tonfall.

Die Gesichter der Wachen lockerten sich etwas auf.

„Als Händler aus Bruck mag Nyvil ganz und gar nicht. Da bin ich allemal lieber in der wunderschönen Südkamm unterwegs, dort herrscht noch Ordnung und Sicherheit“, fuhr er fort und wieder schienen seine wohlüberlegten Worte den Soldaten zu schmeicheln. „Ich sollte Rotrindenspäne, Lendospäne und andere Dinge aus dem West in Eure Abtei bringen, damit die Produktionen nicht zum Erliegen kommen, meine verehrten Söhne Morgas.“ Das Eure hatte eine besondere Betonung. Diese kam nicht nur gut an, sondern zerstreute sogleich alle Bedenken, die die Wachen hatten, und ließ sie etwas leichtsinnig werden. Das war schließlich genau das, was die Männer hören wollten. Auch wenn sie sich im verhassten Nyvil befanden, im immerwährenden Schatten und fernab der Annehmlichkeiten des fruchtbaren Morgathals, so war es doch ihre Stadt, ihre Ressourcen und ihr wichtiger Auftrag, dies auch so zu erhalten.

Eine Wache stand neben dem Wagen, prüfte stichprobenartig die Tücher und Säcke, in denen die Späne eingewickelt waren und gab direkt mit einem Nicken zum Wachhabenden diesem zu verstehen, dass alles in Ordnung ist.

„Die Händlergilde aus Bruck möchte euch für euren Dienst an diesem trostlosen Fleck danken“, rief Bardabas und winkte die Männer zu sich. Fünf Soldaten reihten sich direkt vor dem Eingang um den Karren des beleibten Mannes und hielten die Hände auf. Der Händler hielt abgezählte Münzen bereit, 10 Dar für jeden, und übergab sie mit einem überschwänglichen „Habt Dank für alles, meine Herren!“, nacheinander in die Hände der Soldaten. Dem Wachhabenden am Schluss gar die zweifache Menge. „Das ist für die Truppe. Ich hoffe, ihr dürft bald wieder nach Hause“, sagte er dabei.

Voller Pflichtgefühl und vor Stolz geschwellter Brust legte der Soldat die Hand auf Bardabas‘ Schulter und sagte: „Das Königreich wird auch fernab der Heimat verteidigt. Wir sorgen schon für Ruhe hier im Osten.“ Die restlichen Wachen nickten zustimmend, traten beiseite und standen so dem Händler bei dessen Eintritt in die Stadt fast schon Spalier.

Rhan schnaufte laut auf, ehe er es seinem Artgenossen gleichtat und in Ruhe verfiel. Sie betraten den großen Hauptstollen, der in die Stadt führte, und wurden gleich darauf von allen nur erdenklichen Grüntöne herzlich empfangen. Die gewölbte Decke war von wilden Rissen durchzogen, die in beachtlicher Helligkeit strahlten. Dunkles Waldgrün, wie man es zur Regenzeit aus dem Dämmerlichtwald kannte, hellgrüne Töne, die mehr Glimmen als Schimmern, Grasgrün, Mintgrün, Apfelgrün, bis hin zu Türkis, hüllten das Gewölbe in unterschiedlichste Leuchtschwaden.

„Das Grün macht krank, egal wie schön es ist“, sagte der Mann, der schon immer viel mit seinen Ochsen geredet hat. Wahrscheinlich, um auf seinen langen und meist einsamen Reisen nicht komplett die Gabe der Sprache zu verlieren. Die Klänge von Hämmern, Hacken und rieselndem Gestein harmonierten in diesem beruhigenden Grün miteinander und untermalten die Szenerie. Leuchtende Steine, kleine und größere Kugeln, aufgebahrt auf Halterungen, erhellten den Hauptkorridor nahezu komplett. Zwei bis sogar drei Stockwerke hoch waren Geschäfte, Räume und andere Bauten in den Felsen geschlagen worden. Sie krümmten sich mit dem Tunnel und waren über verschiedene Treppen zu erreichen.

Nach wenigen Schritten, die Bardabas samt Rhan und Mamo in die Stadt hineingeschritten waren, kreuzten schon zwei weitere, ungefähr zwei Drittel so große Gewölbe nach links und rechts ab. Diese teilten sich in jeweils zwei weitere Schächte, der eine nach oben führend, der andere mit reichlich Gefälle nach unten in die Tiefe ragend. Aus Letzterem leuchtete ein blasses, grünliches Licht. Es war das Licht der Wohnbereiche und Schlafplätze dieser Stadt unter dem Berge. Doch keuchte daraus auch immer wieder lautes und nasses Husten. Als Bardabas die Schächte passierte und ungefähr in der Mitte des Hauptstollens angelangt war, stellte sich ein Plätschern ein, das von Wassertropfen rührte, die von der Decke niederkamen. Dann kam unverhofft eine kleine Entourage auf den Händler zu. Vier Männer mittleren Alters, die Hälfte davon mit Augenbinden und Stöcken, aber alle in lange Gewänder gehüllt.

„Späne?“, fragte der hagere Mann, der gut einen Kopf unter Bardabas endete.

„Richtig, damit die Produktion nicht stillsteht. Ein Eilauftrag quasi“, antwortete der bärtige Mann dem Ersten der Vier.

„Und wo führt euch euer Weg danach hin?“, fragte dieser unvermittelt.

„Nun, ich denke mich treibt es direkt in den Westen Isdraias, nach Weiler ins Fennreich. Die haben auch gute Schmiede, dort werde ich wohl noch etwas Nützliches vor der Windwende auftreiben können“, gab Bardabas zu Besten und hoffte, dass den Fremden diese Antwort genügen würde.

„Dann kommt mit hier rein, die Abtei ist zurzeit nicht betretbar. Wir sind auf unerwartete Hindernisse beim Graben gestoßen“, sagte einer der Männer und wies mit dem Arm in das kleine Gebäude zu seiner Rechten. „Den Karren laden wir indes schon einmal ab, ihr sollt hier ja keine unnötige Rast machen müssen, bald schon erfolgt nämlich ein Wachwechsel“, fuhr er fort.

Der Händler nickte ihm zu. Er hatte verstanden. Beide hatten verstanden. Also quälte sich der füllige Mann den anderen voran durch die schmale Tür in das Haus. Ihm folgten nur ein Blinder und der Mann, der mit ihm gesprochen hatte. Die Anderen zogen die Tür von außen zu, ganz so, als ob sie Wache halten würden.

„Habt ihr das Geld?“, wurde Bardabas gefragt.

Er zückte einige Beutel hervor, um die sich lustigerweise der Blinde kümmerte, der sofort nachzuzählen begann.

„Hier seht selbst, nehmt es in eure Hände“, bot der ältere Herr an und sein Blick wanderte auf ein feinsäuberlich zusammengefaltetes Tuch, das links auf einem Hocker neben dem Tisch lag. Er griff danach, doch ein lautes Klopfen, dreimal in Folge, schreckte sie auf. „Hört mir genau zu. Ihr müsst jetzt los. Ihr werdet gute Preise dafür bekommen und viel Geld damit verdienen. Doch tut etwas für mich…“

Bardabas nickte und fiel dem Mann ins Wort: „Nicht zu den Blauen, ja, das weiß ich.“

Aufgebracht schüttelte der Abt mit dem eingefallenen Gesicht den Kopf hin und her. „Das auch, aber viel wichtiger ist Folgendes, merkt es euch gut. Wir laden euch fünf Stapel auf. Drei davon könnt ihr verkaufen, in Weiler werdet ihr sicher auch einen davon los. Aber einen bringt ihr in die Hammermark. Fahrt einfach vor zum Eingang des Kanals der Achtung. Die wissen Bescheid. Den anderen ladet ihr in Kuer aus, aber einzig und allein direkt beim Waffenmeister Beltim. Habt ihr das verstanden?“

Bardabas nickte und schon klopfte der Mann von innen gegen die Tür, die sich prompt öffnete.

„Geht nun, sonst landen wir alle in einem der Stollen. Tut was ich euch aufgetragen habe!“, zischte er.

Der Händler schritt ohne Zögern aus dem Gebäude hinaus. Sein Wagen stand schon abreisefertig vor den wenigen Stufen, die ins Haus führten und Mamo sowie Rhan schauten ihn nur in ihrer dümmlichen Art an. Augenscheinlich waren nur noch leere Decken, Tücher und Säcke auf dem Wagen, doch ein geübter Blick auf die Räder zeigte, dass er deutlich schwerer war als zuvor. Er stieg auf den Wagen und noch während er sich einige Fragen stellte, was hier eben genau geschehen ist und warum er so ein Geheimnis darum machte, zogen die beiden Ochsen unter großen Mühen den Karren nach vorne dem Ausgang entgegen.

„Kein Nyvilaner wird euch aufhalten, ihr braucht nichts zu befürchten, von niemandem aus Nyvil, versteht ihr das?“, säuselte der Mann ihm hinterher, ehe ein mächtiges Krachen den Boden erbeben ließ, mehr Wasser und auch Gestein aus der Deck nach unten spülte und laute Schreie aus der Abtei durch das Gewölbe hallten. Einzig das Grün war beständig und funkelte nach wie vor ruhig vor sich hin.

Rufe und Schreie von den vielen Wachen, die in Panik geraten auf Bardabas zu stürmten, lockten die Bewohner aus ihren Unterkünften auf die Balkone. Lange Speere und viel zu großgeratene Schilde bahnten sich den Weg durch den Tunnel in die Abtei hinein, woher der Lärm, die ersten Schreie und der Krach kamen. Es mutete fast schon surreal an, dass er der einzige Mensch war, der sich Richtung Ausgang aufmachte.

Der Wachhabende sah Bardabas von weitem kommen und stieß ein lautes „Lasst den Händler durch!“ nach hinten aus und schon gaben die paar Wachen am Eingang den Weg frei. Unter wildem Schnauben ließen Mamo und Rhan die undurchsichtige Stadt im Berg hinter sich und zogen den Wagen und ihren Herrn hinaus in die schwarze Dunkelheit.

 

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Das Licht des Ostens – Teil 3

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