Mit “Der Herold” gebe ich mein Debüt in der Kategorie der Spinoffs und vermutlich ist es der längste Einkaufzettel den ich in den letzten 20 Jahren niedergeschrieben habe. Diese Geschichte zu schreiben war für mich eine besondere Herausforderung, da ich mir zur Aufgabe gemacht hatte einen Ort und eine Handlung aufzugreifen, die in unserer Geschichte derzeit nur wenig beleuchtet wird. Genau diese Eckpunkte sind es aber auch, die ich nicht zu offensichtlich gestalten wollte um den Leser anzuregen etwas genauer “hinzusehen”. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Die Bohlen des hölzernen Wehrgangs knarrten unter den Schritten von Tomen. Der erfahrene Wachmann kannte die Geräusche seiner Umgebung und war stets in der Lage, diese einzuschätzen. Seien es rieselnde Steinchen, die von der Felswand niedergingen, die Flügelschläge der Araks, welche nun kurz vor der Dämmerung hastig ihre Nester aufsuchten, zwitschernde Vögel, zirpende Grillen oder das rege Treiben in der Siedlung außerhalb des wehrhaften Gemäuers. All diese Laute verbargen sich im warmen Ostwind, der über den wahllos errichteten Behausungen rauschte.

Heute war jedoch irgendetwas anders. Etwas verbarg sich dort draußen. Vor der Überdachung des Wehrgangs am steinernen, östlichen Torhaus hielt Tomen inne, blickte hinab und versuchte insbesondere in den durch den Fackelschein weniger gut ausgeleuchteten Stellen etwas zu erkennen. Doch die halbdunkle Umgebung wollte ihr Geheimnis nicht preisgeben. Schon etwas von Selbstzweifel geplagt, sah er sich erneut um und entdeckte seinen Kameraden im Innenhof, wie er den Glockenturm verließ und in Richtung des nördlichen Aufgangs marschierte. In der Absicht, ihn dort auf dem Wehrgang zu treffen und ihm zu berichten, setze Tomen seinen Rundgang fort.

Als sich die Wege der Wachen kreuzten, erkundigte sich Tomen bei seinem Kameraden: „Hast du das auch gehört?“

„Was denn?“, entgegnete Sebatt.

„Da, schon wieder!“, stellte Tomen erneut fest.

Sie verbargen sich etwas hinter einer Zinne und lauschten der Dunkelheit. Was es auch war, es schien aus nördlicher Richtung zu kommen, denn hier waren die Geräusche sehr viel deutlicher auszumachen als an der Ostseite. Es klang, als würde etwas Stück für Stück über den staubigen Boden gezogen. Auf ein kurzes Schleifen und Kratzen folgte immer ein kurzer Moment der Stille.

„Was ist das?“, flüsterte Tomen, ernte aber lediglich ein Schulterzucken und fragende Blicke von seinem Kameraden. „Es kommt eindeutig näher!“ Unbehagen machte sich in ihm breit, während er vergeblich versuchte, etwas bei den Lagerstätten zu erkennen, die sich unter ihnen aneinanderreihten.

„Vielleicht ein Glimmerwolf, der Beute gemacht hat“, mutmaßt Sebatt.

„Hast du schon mal einen gesehen?“, wollte Tomen wissen.

„Nein, leider nicht“, antwortete Sebatt etwas enttäuscht.

„Dachte ich mir, vermutlich wäre es auch das Letzte, was du zu Gesicht bekommen hättest“, zog Tomen den Jüngling auf. Wohlwissend, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Glimmerwolf anzutreffen, äußerst gering einzuschätzen war. Zum einen gehen diese Wölfe so kurz vor Einbruch der Dunkelheit nicht mehr Jagen, zum anderen sind sie meistens in Rudeln aktiv. Tomen entschloss sich, die Unerfahrenheit seines jungen Begleiters noch etwas auszunutzen und ihn auf die Probe zu stellen. „Komm! Wir sehen nach was da unten ist.“

Sebatts Entsetzen war ihm deutlich anzusehen und er stammelte: „Aber…“, doch Tomen forderte ihn bereits auf, voran zu gehen. Mit gezogenem Schwert und deutlich in sich gekehrter Haltung trat er also aus dem östlichen Torhaus in den Vorhof, wo er sich dem Gasthaus gegenübersah, das ebenso leer wirkte wie der angrenzende Marktplatz und die dahinter befindlichen Barracken. In stetiger Kontrolle seines Umfelds bewegte er sich über den Vorhof in Richtung des schweren Doppelflügeltors im Norden und verließ den zumindest einseitigen Schutz durch die Mauer.

Tomen, der ihm auf Schritt und Tritt folgte, erkannte eine zunehmende Anspannung bei seinem jungen Begleiter, der nun vorbei an den nicht einsehbaren Ecken der Gebäude, Lagerhäuser und Scheunen auf der gegenüberliegenden Seite des Tores ungeschützt vorrücken musste und Gefahr lief, von dort überrascht zu werden. „Schau dort!“, zischte Tomen, als er etwas erblickte, das sich auf dem nordöstlichen Weg langsam näherte.

Sebatt fuhr es vor Schreck durch Mark und Bein.

„Hmm, vielleicht geht auch einfach nur meine Fantasie mit mir durch“, relativierte Tomen seinen Ausruf, nahm aber dennoch instinktiv eine defensive Haltung ein.

Sebatt tat es ihm unverzüglich gleich.

Doch war dort wirklich etwas im Schatten. Wie ein Betrunkener torkelnd und wankend, mehr stolpernd als gehend, näherte sich jemand langsam, aber beständig den beiden Wachen.

„Wer verirrt sich nur an diesen entlegenen Ort?“, dachte Tomen und erkannte überrascht einen Umhang sowie Kleidung, wie sie nur von seinesgleichen getragen wurde. „Das ist einer von uns!“, stellte er mehr für sich selbst fest, lies sein Schwert zu Boden sinken und erregt dadurch auch Sebatts Aufmerksamkeit.

„Was sagst du da?“, fragte Sebatt und schaute die Gestalt ungläubig an. „Ah, ohne Zweifel“, stellte auch er einige Momente später fest und steckte sein Schwert ebenfalls weg, während er Tomen folgte, der sich nun mit immer schnelleren Schritten auf die Person zubewegte.

Unfähig die letzten Schritte hinter sich zu bringen, fiel der völlig erschöpfte Mann Tomen förmlich in die Arme. „Seid ihr verletzt?“, wollte er von dem Fremden wissen, begutachtete ihn ausgiebig und erkannte an seiner Kleidung sofort, dass er kein gewöhnlicher Soldat sein konnte. Der Mann schien jedoch nicht im Stande, zu antworten.

Als Sebatt eintraf, bat er ihn, beim Tragen zu helfen. Sie kreuzten ihre Arme, griffen nach ihren Handgelenken und bildeten einen Sitz. Nachdem er seine Arme auf ihren Schultern abgelegt hatte, hoben sie den Mann von den Füßen und trugen ihn das verbliebende Stück in den Vorhof. Ein Geruch von Feuer und Schwefel lag in der Luft, als Tomen und Sebatt ihn an einer nahegelegenen Hauswand vorsichtig absetzten und sich zu ihm niederknieten. Sein Gewand war teilweise verkokelt und mit Ruß verdreckt, doch es war durch die stellenweise weniger verunreinigten Stellen unverkennbar, dass er einst auch Rüstungsteile am Körper trug.

Die Kunde hatte sich mittlerweile rumgesprochen und so sammelten sich bei ihnen bereits diverse Soldaten und Bauern, denen die Neugier ins Gesicht geschrieben stand. Immer wieder drehten sich vereinzelte Köpfe der dicht gedrängten Ansammlung zum Tor um, in der Hoffnung weitere Kameraden würden noch folgen. Doch der Anblick des aschbleichen, ausgezehrten und verwahrlost wirkenden Mannes ließ ihre Hoffnung zunehmend schwinden.

Die Anwesenden waren beunruhigt, denn sie kannten ihn nicht, verstanden nicht was ihm zugestoßen war und warum er allein kam. Zunehmend machte sich Unbehagen bei den Männern breit. „Wo sind die anderen?“, „Was willst du hier?“, „Wer hat dich geschickt?“ und „Warum sind deine Kleider verbrannt?“, waren nur einige Fragen, die die Menge an ihn richtete.

Tomen blickte mit einer gehörigen Portion Unverständnis in die Runde. Er nahm den hängenden Kopf des übermüdeten Mannes in seine Hände und hob ihn etwas an, um ihm in die Augen blicken zu können. „Freund!“, richtete er das Wort an ihn. „Geht es euch gut?“

Der Unbekannte versuchte zu antworten, jedoch brachte er nicht einen Ton über seine spröden und rissigen Lippen.

„Gebt mir etwas Wasser aus dem Brunnen“, bat Tomen einen der Anwesenden und überreichte dem Fremden kurze Zeit später eine Kelch Wasser. „Hier trinkt!“ Tomen erkannte, dass er in diesem Zustand keine Informationen von ihm erhalten würde und entschloss sich, ihm Zeit zur Erholung zu gewähren. „Wir bringen ihn in unser Quartier. Richtet ihm einen Schlafplatz her und bereitet ihm etwas zum Speisen. Sobald er erwacht, wird er essen wollen. Danach werden wir sicher mehr erfahren“, instruierte er die Anwesenden.

Etwas später im Schlafsaal.

Als eine Wache den vermeintlich schlafenden Fremden passierte, ergriff dieser reflexartig ihren Unterarm und zog sie ein Stück zu sich. Erschrocken starrten sich beide regungslos an. „Ruft die Männer zusammen, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren“, flüsterte der Mann noch immer geschwächt und hielt dabei den Arm weiter fest im Griff.

Die Wache legte ihm die andere Hand auf die Schulter und entgegnete: „Wir haben ein Mahl für euch zubereiten lassen. Stärkt euch zuerst.“

„Habt Dank“, antworte der Mann mit heiserer Stimme. „Aber ich habe diesen fürchterlichen Gestank in der Nase und bekomme sicher keinen Bissen runter.“

Die Wache schaute erst etwas irritiert, nickte dann aber verständnisvoll und versprach, die Männer zu sammeln. Der Griff löste sich und die Wache machte sich gedankenverloren auf den Weg durch die Katakomben.

Nachdem der Wachmann den Schlafsaal verlassen hatte, bog er links um die Ecke und folgte dem Gang in einer langgezogenen Rechtskurve zur nördlich gelegenen Werkstatt. „Welch Unheil er wohl Zeuge wurde?”, fragte er sich und öffnete die mittlerweile vor ihm aufragende Werkstatttür. Ohne zu kontrollieren, ob jemand anwesend war, rief er in den Raum: „Alle Mann umgehend im Speisesaal sammeln!“, setzte seinen Rundgang fort und war mit seinen Gedanken sogleich wieder bei dem Unbekannten. „Wurde das Heer vernichtet? Nein, das konnte nicht sein, es hatte noch nie solch herbe Verluste gegeben“, beruhigte er sich und folgte dem Gang bis zur nächsten Abzweigung, wo er rechts abbog, da er über den geradeaus liegenden Aufgang zum Osttor und in den Innenhof gelangen würde, den er erst zum Schluss aufsuchen wollte.

Am Ende des Ganges mündete eine Treppe in den querenden Hauptgang, in dem sich unmittelbar zu seiner Linken der Speisesaal befand. Als er das Treffen dort ankündigte, erkundigte sich ein Handwerksmann, was es denn gäbe. „Wir werden es bald erfahren“, antwortete der Wachmann knapp und stellte fest, dass er selbst die Neuigkeiten eigentlich lieber nicht erfahren wollte. Zerstreuten Geistes vergaß er, die Türe hinter sich zu schließen.

Nun folgte er dem Gang in entgegengesetzter Richtung, wo sich nach wenigen Schritten die Küche und Offiziersstube gegenüberlagen. Etwas weiter hinten zu seiner Rechten befand sich ein weiterer Schlafsaal, gefolgt vom Vorratslager zur Linken. Fast schon antriebslos bummelte er von Raum zu Raum und dachte dabei, wie lebhaft dieser Gang sonst war. Es war eigentlich undenkbar auf diesem Hauptverkehrsweg unachtsam entlang zu schlendern, ohne jemanden anzurempeln. Hier flanierte jeder zwischen Schlafräumen, Küche, dem Speisesaal oder um einfach in den Innenhof zu gelangen, der auch sein finales Ziel darstellte. Wehmütig dachte er an seine albernen Kammeraden, die sich hier stets begegneten, sich neckten oder angeregte Unterhaltungen führten.

In seinen Erinnerungen vertieft, folgte er dem Gang gen Westen, blickte kurz den Treppenabgang hinab, der ihn wieder zu ihrem Gast zurückführen würde, und nahm die vor ihm liegende, große, in Stein geschlagene Wendeltreppe, welche ihn unterhalb des Glockenturms in den Innenhof führen würde.

Als er den Glockenturm kurz darauf verließ, der in die südliche Wehrmauer eingelassen war und bündig an der Felswand stand, betrachtete er das prächtige Aviltorium, das gleich vor ihm über mehrere Etagen der gigantischen Felswand strotzte. Im Inneren bot ein großer Saal ausreichend Platz für Empfänge und Ehrungen. Der aufwendig gestaltete Komplex verfügte außerdem über eine eigene Küche und mehrere Schlaf- und Aufenthaltsräume, die luxuriöser nicht hätten sein können. Aus diesem Grund wurden sie neben Festlichkeiten nur von hohem Besuch oder Befehlshabern genutzt.

Er erinnerte sich noch gut an den Tag der großen Verabschiedungen, als sein Bruder mit den anderen in den Norden aufbrach. In seinem Tagtraum füllte sich der Innenhof mit allerhand geladenen Gästen oder Angehörigen. Er selbst stand mit den anderen Wachen auf der großen Zugangstreppe des Aviltorium zum Gruße der Gäste Spalier. Dabei verfolgte er die Zeremonie von hier draußen, obgleich er sich gerne zu seinem Bruder gesellt hätte, um sich gebührend von ihm zu verabschieden. Doch als Wache blieb ihm dieses Recht verwehrt. Er durfte die Reihen nicht verlassen. Am Ende der Festlichkeiten blieb ihnen dennoch ein kurzer Augenblick, als die hochgerüsteten Soldaten mit ihren prunkvollen Rüstungen unter Jubel und Applaus der Gesellschaft das Aviltorium verließen. Die Soldaten marschierten in Reihe und Glied stolz unter wehenden Banner und Standarten in Richtung des gegenüberliegenden Osttor – stets mit nach vorne gerichteten Köpfen. Die Blicke der Brüder trafen sich für einen Wimpernschlag, in dem sie sich mit einem dezenten Nicken gegenseitig erkenntlich zeigten. Ohne seinen Kopf zu drehen, folgte er ihm mit seinen Augen, bis er aus seinem Blickfeld verschwand. Eine Träne ran über seine Wange.

Unbewusst hatte er vor diesem aktuell leerstehendem, architektonischen Meisterwerk Haltung eingenommen und starrte es an. Langsam besann er sich, auch seine Haltung schien sich allmählich zu normalisieren. Er wischte die Träne von seiner Wange und entschied sich, zuerst den Schmied im nördlichen Teil der Anlage aufzusuchen.

Auf seinem Weg schaute er den mächtigen Wall hinauf, der sich in etwas Entfernung über der Schmiede und den zugehörigen Lagerhäusern in die Höhe streckte. Die Mauer umschloss die Feste im Norden, Osten und Süden. Lediglich im Westen war sie wegen der steilen Felswand obsolet. Jeder Teil dieses steinernen Bollwerks wurde durch mindestens zwei Türme an den Enden und einem Torhaus in der Mitte ergänzt. Die nördliche Mauer hatte anstelle eines Tores aber einen dritten Turm und im Süden war statt eines kleinen Turmes der große Glockenturm zu finden, der so dicht an der Felswand errichtet war, dass jeder noch so kleine Winkel außerhalb der Mauer einsehbar blieb. Das Südtor wurde nur sehr wenig genutzt und war aus diesem Grund meist durch das schwere schmiedeeiserne Fallgitter verschlossen.

Es war verhältnismäßig still, nirgends war jemand zu sehen. Nur der Schmied schien unbehelligt sein Werk zu verrichten. Der Wachmann ließ den Glockenturm hinter sich und ging zielstrebig auf die Schmiede zu, die direkt an der nördlichen Mauer errichtet war. Die rechte Seite des Gebäudes wurde als Wohnraum genutzt, wohingegen die linke Hälfte aus einem großen Vordach bestand, das die Schmiede beherbergte.

Der Schmied erhitzte gerade ein Werkstück, als der Wachmann ihm die Order überbrachte. „Ich werde mich nach diesem Rohling gleich auf den Weg machen!“, versicherte der Schmied und wendete mit einer riesigen Zange das glühende Metall in den Kohlen.

Er verließ die Schmiede wie er sie betreten hatte und bog nach Osten ab, wo er geradezu auf die Stallungen treffen würde, nachdem er die Lager links von ihm passiert hatte, die bis unter ihre Dächer mit Kohlen, Korn und Heu gefüllt waren.

Hammerschläge und das Klappern von Ochsenkarren, die kontinuierlich von den Bauern in die Anlage geführt wurden, um dort Ware abzuladen, hallten durch den Hof. Es waren vertraute Geräusche, die irgendwie friedlich auf ihn wirkten. Er schloss die Augen und verweilte hier für einen kurzen Moment. Er stellte sich die trainierenden Bogenschützen vor, wie sie die Sehnen ihrer Bögen spannten und ihre Pfeile durch die Luft zischen ließen, bis sie in die aus Stroh geformte Scheibe einschlugen.

Ein lautes Zischen und Brodeln riss ihn aus seinen Gedanken, kurz bevor er die Stallungen erreichte. Er drehte sich um und sah weißen Dampf aus dem Anbau des Schmieds aufsteigen. Seine Augen schweiften umher. Von hier aus hatte er einen wunderbaren Blick auf den riesigen Glockenturm, der sich neben dem Aviltorium gelegen in die Höhe streckte. Dort oben konnte man in jede Himmelsrichtung Ausschau halten und hatte besonders bei klarer Sicht eine wundervolle Aussicht über das ganze Tal bis hin zum Zacken, der wie ein Monument im Herzen des Landes thronte.

Fast ein wenig beseelt von dieser Vorstellung setzte er seinen Rundgang fort. In den Stallungen war jedoch niemand aufzufinden, und so verließ er über den Treppenabgang am Osttor den Innenhof und machte sich ebenfalls auf den Weg in den Speisesaal.

Kurz darauf im Speisesaal.

„Mein Name ist Keno, Herold der Höchsten Zinne“, sprach der Fremde, der sich mittlerweile wieder auf den Beinen befand. „Ich wurde geschickt um euch zu berichten, dass dieser Standort aufgegeben wird. Er wird in Zukunft nicht mehr von Belang für uns sein.“

Unruhe verbreitete sich unter den Männern. „Was bedeutet das?“, „Haben wir den Krieg verloren?“, „Was geschieht nun mit uns?“, ertönten besorgte Stimmen.

„Ich kann euch diese Fragen nicht beantworten! Ich wurde vor Schlachtbeginn zu euch entsandt und bin viele Nächte unterwegs gewesen. Ich weiß nur, dass ein riesiges Gefecht bevorstand.“ Beiläufig hob er sein Hemd unterhalb der Brust und küsste eine eingestickte, schwarzweiße Sonne. „Aber wir ahnten, dass niemand diesen Schauplatz als Sieger verlassen würde. Wie dieses pure Grauen auch zu Ende gegangen sein mag, unser Dienst hier ist getan. Geht zu euren Familien, solange ihr es noch könnt!“, berichtete Keno.

Erneut zog ein lautes Raunen durch den Saal. „Wann sehen wir unsere Kameraden?“, rief noch jemand dazwischen.

„Auch dieser Antwort bin ich nicht mächtig. Bewahrt die Hoffnung und mit etwas Glück könnt ihr zumindest bald eure Liebsten nochmal in die Arme schließen.“

„Was wird nun aus all dem hier?“, erklang eine weitere Stimme irgendwo aus den Raum.

„Wir werden gemeinsam alle Habseligkeiten auf Karren verladen und danach wird der Großteil von euch ins Reich heimkehren. Der Baumeister und seine Handwerksmänner werden mit mir alles Weitere erledigen und euch schnellstmöglich folgen.“

„Aber dann ist der Westen unkontrolliert und damit auch die Höfe nicht mehr geschützt!“, rief jemand entrüstet.

„Ich verstehe eure Sorgen!“, erwiderte Keno. „Aber nach dem was ich dort gesehen habe, stellt die Kontrolle des Westens im Augenblick unser kleinstes Problem dar. Wir können die Bauern nicht zwingen ihre Höfe zu verlassen, aber sie täten gut daran uns zu folgen, da wir ihren Schutz nicht länger garantieren können!“ Keno blickte für einige Momente in die Runde, um noch Zeit für weitere Fragen einzuräumen, doch als die letzten Stimmen verstummten, ergriff er erneut das Wort: „Ihr wisst was zu tun ist. Begebt euch an die Arbeit. Den Baumeister bitte ich, noch auf ein Wort hier zu verweilen.“

Die Betroffenheit dieser Ankündigung war in jedermanns Augen zu erkennen und für einen Moment wirkten alle Anwesenden wie erstarrt. Tomen kam der Aufforderung des Herolds als Erster nach, woraufhin die anderen Männer gemächlich folgten. Wut kochte in ihnen auf. Aufgeben, dieses Wort ließ sich nur schwer mit ihrem Stolz vereinbaren. Es lag nicht in ihrer Natur, sich oder etwas aufzugeben, genauso wenig, wie jemanden zurück zu lassen.

Als einst der Marschbefehl erteilt wurde und Offiziere für die zurückbleibende Notbesetzung gefunden werden musste, wollte dies auch niemand freiwillig tun. Es widersprach dem Grundsatz der Einheit, sich dem Kampf zu entziehen oder Kameraden im Stich zu lassen. Wie sich die Offiziere geeinigt hatten war unbekannt, doch man erzählte sich, dass die Würfel entscheiden mussten.

Die Würfel waren in allen Bevölkerungsschichten sehr beliebt, da hauptsächlich um Habseligkeiten oder Münzen gespielt wurde, für die grundsätzlich jeder ein besonderes Begehren hegte. Wo auch immer gespielt wurde, erregte es ein hohes Maß an Aufsehen. Wer nicht selbst spielte, schaute mit großer Begeisterung den Kontrahenten zu und fieberte eifrig mit. Dass die Offiziere in den engsten Kreisen nicht um Münzen spielten, machte die Würfel für sie unter den gegebenen Umständen nicht weniger reizvoll. Die Würfel entschieden darüber, wer nach den Strapazen der langen Ausbildung und des harten Trainings seiner rechtmäßigen Bestimmung nachkommen durfte und wer zurückbleiben sollte, um mit den anwesenden Rekruten die örtliche Sicherheit und ihre Ausbildung zu garantieren.

Nun stand ihnen wieder einer Trennung bevor, aber diesmal werden keine Würfel notwendig ein. Die Instruktionen waren eindeutig und endgültig.

Ein paar Stunden später.

Nachdem alle Vorbereitungen für die Abreise getroffen waren, versammelte sich die gesamte Schar auf dem großen Marktplatz. Die meisten waren einfache Menschen, die lediglich mitführten was sie tragen konnten, oder Bauern, die zumindest über Vieh und Karren verfügten, auf denen anstelle persönlicher Besitztümer aber eher die Ältesten Platz fanden.  Allgemein herrschte große Bestürzung über den Verlust ihrer Heimat, die ihnen lange Zeit ein gutes und friedliches Leben gewährte. Außer vor Wildtieren wie Raubbären und Bentos hatte man niemals etwas zu befürchten und dank der anwesenden Soldaten kam selten jemand zu Schaden.

Mit Tränen gefüllten Augen nahmen sie Abschied von ihren Häusern und trösteten sich in den Armen ihrer Freunde. Kurz vor ihrem Aufbruch verteilten sich die letzten Soldaten mit ihren Speeren, Schwertern und Bannern in der Menge, um sie ein letztes Mal sicher an ihr Ziel zu geleiten.

Tomen suchte währenddessen Keno in der Offiziersstube auf, um ihn von ihrem Fortschritt in Kenntnis zu setzten. Als er aufgefordert wurde einzutreten, studierte Keno gemeinsam mit dem Baumeister allerhand Pläne und Zeichnungen, die ausgebreitet auf dem zentral im Raum stehenden Arbeitstisch lagen.

„Der Verband ist bereit aufzubrechen“, kündigte Tomen an.

„Sehr gut, dann lasst die Leute nicht warten und begebt euch auf den Weg“, ordnete Keno an und drehte beiläufig einen der Pläne auf links.

Tomen bestätigte und verließ den Raum, um den Befehl weiterzugeben.

Nachdem sich die Menge in Marsch gesetzt hatten und den Platz nach Osten verlassen hatte, blieb ein kläglicher Rest gedankenverlorener Männer zurück. Sie schauten mit reumütigen Blicken der spärlichen Kolonne hinterher, die sich ungeordnet und mit gesenkten Köpfen unter den paar wenigen, kaum wehenden Bannern auf die Heimreise begaben.

Selbst für Keno und den Baumeister war der Anblick äußerst bedrückend. Sie hatten sich auf dem östlichen Wehrgang begeben und beobachteten von dort die Abreise, die keineswegs etwas mit der Verabschiedung der Kompanien gemein hatte.

„Sollte ich auch bei diesen Leuten sein?“, äußerte der Baumeister nachdenklich, während er der Kolonne hinterher blickte.

Keno legte seine Hand auf seine Schulter und sah ihn teilnahmsvoll an. „Ehrlich gesagt könntet ihr derzeit an keinem besseren Ort sein“, versuchte er ihn aufzumuntern. „Wenn es eine Zukunft für uns alle gibt”, mahnte er den Baumeister, “dann, mein Freund, wird eure Baukunst ihr Grundstein sein. Ihr werdet es schon bald erkennen.“

Über den Autor

Rouven würde sich selbst nie als Autor bezeichnen, wohlgleich er großer Fan schöner Fantasy-Geschichten ist und sich gelegentlich auch zu einer eigenen Kurzgeschichte hinreißen lässt. Rouven ist bei Beyond Worlds sowas wie der Bewahrer der Fakten. Er dokumentiert Dystopia in allein Einzelheiten in unserem internen Wiki.

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