Viele der Nebenfiguren in unserer Geschichte erfahren im Buch nicht die nötige Würdigung. Das ist auch kaum möglich, ohne die Geschichte so zu überladen, dass sie Längen bekommt und schwerer zu lesen wird. Dennoch gibt es über viele unserer Figuren mehr zu erzählen, als man bei der ersten Begegnung mit diesen vielleicht annehmen mag. So ist es auch mit Mendo, der schon im ersten Kapitel mehrfach erwähnt wird und auch einen kleinen Dialog mit Miko auf dem Dorfplatz Fennquells führt. Hier erfahrt ihr nun etwas mehr über diesen Zeitgenossen.


Mendo war ein schlichter Mann. Nicht aber von der Art Schlichtheit, die man allgemein mit Senktalern in Verbindung bringt. Nein, er hatte Talente und wusste auch um diese. Er hatte zum Beispiel ein Gedächtnis, wie es sonst nur der alten Garda zugesprochen wurde. Die aktuelle Anzahl gefangener Sonnensegler war ihm ebenso geläufig wie die Daten der letzten zehn Windwenden. Hätte er die genaue Anzahl Penjas bei jeder Ernte bestimmt, könnte er wahrscheinlich auch mit diesen Zahlen noch heute jonglieren. Ein weiteres Talent war, wenn man so will, sein Durchsetzungsvermögen. Zugegeben, das klingt für einen Fennmann im Alter von 24 Windwenden erstmal nach nichts Erwähnenswertem. Doch man muss bedenken, wie klein Mendo eigentlich ist. Er misst gerade mal 6 Fuß, was für einen Fenn wahrlich nicht viel ist. Manche Bewohner Fennquells sagen aber, dass er über sich hinauswachse, wenn er wütend werde. Daher sei er auch meistens eher 7, manchmal sogar 8 Fuß groß. Das sei nun aber mal dahingestellt.

Bei einem sind sich jedoch alle einig, nämlich bei dem Grad seiner Tüchtigkeit. Ohne Mendo funktioniert nichts. Weder in den Blütenhainen, noch in den Baumschulen oder Brennereien. Er kümmert sich um alles gleichermaßen und ist über die Grenzen Fennquells hinaus als Garant für guten Penjalikör bekannt. Diese Köstlichkeit wird übrigens zweimal pro Wende gebrannt. Es gibt den Früh- und Spätbrand. Ersterer ist leicht und süß, Letzterer kräftig und unverblümt. Der Spätbrand wird wegen seiner Eigenschaften in der Schänke zur Sonnenfeder übrigens auch scherzeshalber Kleinflamm genannt. Erstaunlicherweise gehört dies zu den wenigen Dingen, über die sich Mendo noch nicht beschwert hat. Wahrscheinlich, weil er sich etwas geehrt fühlt. Zu Recht.

Leider gibt es aber auch weniger schöne Dinge über diesen tüchtigen Mann zu berichten. Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist er nämlich immer noch ledig. Ein Thema, auf das man ihn tunlichst auch nicht ansprechen sollte. Der letzte Narr, der es wagte, fand sich in einer großen Obstpresse wieder. Nein, er wurde nicht zu Speziallikör verarbeitet, aber er roch noch für viele Dunklungen nach Penjasaft und war ein wahrer Sonnenseglermagnet. Nichtsdestotrotz gab es mal eine Frau, die sich Mendo versprochen hatte. Die Weihung war schon geplant, da verschwand die Angebetete eines Tages plötzlich spurlos. „Wunder dich nicht, Mendo, wenn du eine aus Ehrfels zur Frau nehmen willst“, haben die Leute gesagt. Sie sei zu ihrer Familie zurück und hätte sich dem Willen ihres Vaters gebeugt, war die einhellige Meinung. Nur Mendo wollte und konnte das nicht glauben. Lange Zeit sah man ihn nur noch an den Hängen im Westen herumstreichen, ebendort wo seine Liebe angeblich das letzte Mal gesehen wurde. Einzig der junge Miko leistet ihm während dieser Phase hin und wieder Gesellschaft, aber der galt ohnehin selbst als etwas sonderbar. Gute zwei Wenden hat Mendo jedenfalls gebraucht, um diesen Verlust zu verarbeiten. Man sagte, diese Frau sei schuld gewesen, dass in Kuer der Penjalikör damals wegen Verknappung fast unbezahlbar wurde.

Äußerlich macht Mendo nicht sehr viel her, obwohl er dank der vielen harten Arbeit recht muskulös ist. Er hat ein faltiges, eingefallenes Gesicht, moosgrüne Augen und kurze, schwarze Haare. Oft wird er älter geschätzt, als er ist. Das kann aber auch an seiner Nase liegen, die bezeugt, dass er selbst gerne von seinem Likör trinkt. Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen er sich eine Rast erlaubt, kann man angeblich etwas Melancholisches in seinem Blick erkennen. Andere sagen, er wirke auf sie dann beinahe wie ein alter Weiser. Ein Weiser wohlgemerkt, der nur in der Flasche nach Weisheit suche. Was wirklich in seinem Kopf vorgeht, teilt er aber selten. Daher ist schwer zu sagen, ob diese Schmähungen berechtig sind, oder nicht. Er interessiert sich dafür aber nicht. Genauso wenig, wie er sich auch sonst nicht für die Meinungen anderer interessiert. Das gilt übrigens auch für seinen Kleidungsstil. Der ist für einen Fenn in seinem Alter nämlich ungewöhnlich farbig. Andere Fenn kleiden sich eher in den Farben des Waldes. Nicht so aber Mendo, er trägt rot, manchmal sogar violett oder türkis. In der Sonnenfeder scherzen sie manchmal, er hätte es mit den Frauen schon ganz aufgegeben oder trüge extra Warnfarben, damit die Raubbären ihn rechtzeitig bemerken und sich in Sicherheit bringen können. Mendo kann aber nur über den zweiten Witz lachen.

Über den Autor

Felix ist eigentlich irgendwie überall involviert. Er arbeitet an den Büchern und am Spiel mit, aber schreibt auch gern Kurzgeschichten, Lieder und Gedichte. Außerdem liebt er Kunst – und bedauert es zutiefst, nicht malen zu können. Erdentage seien laut Felix leider viel zu kurz, um alles Erlebenswerte erleben zu können.

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