Wende 415

Die Sonne strahlte hell und hüllte alles in grelles, gleißendes Licht. Es war eine der heißesten Ostwindphasen, die die Drei bisher erlebt hatten. Doch auch die Eltern von Fesk und Dina moserten unaufhörlich über die Ernteausfälle und litten wie alle Fenn unter der glühenden Last, die der Himmelskörper ihnen aufbürdete.

„Hey Miko hast du gesehen, dass….“, murmelte Fesk und stupste seinen besten Freund mit dem Ellenbogen verlegen in die Rippen. Doch der drehte sich nur genervt weg und machte so schon den mittlerweile achten Versuch Fesks zunichte, ihn darauf hinzuweisen, dass Dina langsam zur Frau wurde.

Dina stand noch mitten in dem kleinen Weiher und band sich ihre lange Mähne nach hinten. Natürlich war es Miko nicht verborgen geblieben. Und selbstverständlich kam auch er nicht drum herum, den ein oder anderen Blick auf seine Freundin aus Kindeszeiten zu werfen. Noch beim letzten Ostwind badeten sie alle oberkörperfrei hier in der Seenlandschaft nördlich von Fennquell. Diese Zeiten waren der Natur geschuldet nun aber offensichtlich vorbei. Oder wie Fesk sagen würde, der Natur sei Dank. Jedoch hielt Miko es mit dem ein oder anderen flüchtigen Blick etwas subtiler als sein Gefährte. Ein kleines Schmunzeln konnte er sich allerdings nicht verkneifen, als Dina zu den beiden Jungs hinübersah. Ihr Blick verriet schon, dass Fesk für jede Andeutung über ihre neuerlangten Rundungen nachher einen blauen Fleck kassieren würde.

„Fesk!“, blaffte sie etwas geniert zu ihnen hinüber. Ihre beiden Freunde hatten sich die Hosen über die Knie gekrempelt und standen bis zu den Schienbeinen im erfrischenden Nass am Rand der Wasserstelle. Dina war selbst nicht sonderlich erfreut über die neuen Umstände. Bisher war doch alles so einfach, aber nun ertappte sie die Zwei immer Mal wieder dabei, wie sie ihr Blicke zuwarfen, die zweifelsohne nicht ihren Augen galten. „Das werde ich euch noch heimzahlen“, nahm sie sich fest vor. Die Hoffnung, damit zu gegebener Zeit etwas besser umgehen zu können, beruhigte sie jedoch etwas.

Es war im ganzen Reich verpönt, sich an Äußerlichkeiten und Merkmalen der Schönheit zu erfreuen. Aber dieses Trio kannte sich schon seit der Wiege und so war es wenig verwunderlich, dass Dina von den Beiden damit aufgezogen wurde. Die meisten Mädchen mochten ohnehin eher mit den putzigen Wolbys spielen, während Dina sich am liebsten mit Stöcken, die Schwerter darstellen sollten, mit anderen Jungen duellierte. Viele Mädchen mochten das Einfärben der Kleidung und ließen ihrer Kreativität dabei freien Lauf, Dina machte bei Trinkspielen mit oder kleckerte sich mit den Kerlen beim Wettessen voll.  Während die Meisten sich je Dunklung gefühlte vierzig Mal ihre Haare kämmten und sich die verschiedensten Frisuren flochten, schnitt sich Dina Strähne um Strähne ab und legte so eine Fährte, die ihre Freunde auf die Suche nach ihr in die Haine führte, wo sie dann aus dem Geäst auf sie niedersprang und mit ihnen kämpfte. Sie war einfach nicht dieses Mädchen, sie war wild, ungezügelt und der Rest war ihr egal. Umso mehr hatte sie nun an den neuen Gegebenheiten knabbern.

Die Seenlandschaft war unter der brennenden Sonne eine willkommene Adresse und stets einen Ausflug wert. Dicht an dicht reihten sich die Weiher, Tümpel, zu groß geratenen Pfützen und Seen aneinander. Das Gefälle, das sich weiter oben zum gigantischen Weltensteig aufschwang, wurde von ihnen unterbrochen und doch waren nur die wenigsten dieser Gewässer direkt miteinander verbunden. Schilf und gelbe Seeblüten zierten die teils bewegungslosen Wasseroberflächen. Wolbys putzten und wuschen sich, ganz so, als würden sie sich rasieren wollen. Die kleinen Händchen in das klare Wasser getaucht und dieses dann im Gesicht verrieben. Dabei zuckten ihre Nasenspitzen immer und sie rümpften sie dabei, was die Szenerie nur noch drolliger machte. Vögel und auch hin und wieder mächtige Araks suchten hier in der Hitze nach frischem Fisch oder kamen einfach zum Trinken. Das Gezwitscher, das Plätschern der kleinen Flüsse, die weiter unten im Tal die Eimh nährten, sowie die Laute vom Spielen der Kinder, trugen oftmals zu dieser wunderbaren Idylle bei. Nur zur Dunklung selbst sollte man diese Region meiden. „Wenn sie nicht jagen, dann trinken sie“, sagte die alte Garda immerzu. Glimmerwölfe durchstreiften in der Dunkelheit die Seenlandschaft und füllten ihre Mägen mit dem klaren Wasser. Von hier war es auch nicht mehr weit bis nach Rotbach, das ebenfalls eine Reise wert war. Es lag auf halben Weg zurück nach Fennquell. In den dortigen Gruben und im Berg selbst war es stets angenehm kühl und bei den jüngsten Besuchen, die Dina, Miko und Fesk diesem Dorf abstatteten, hörten sie immer wieder die Vorarbeiter poltern und schimpfen, wenn diese ihre Bergleute faul oder schlafend in den Tiefen der Berge vorfanden.

Dina zog sich wider Willen einen kleinen Umhang über ihre nasse Tunika, als sie den Rand und damit die beiden anderen Fenn erreicht hatte. Im Stillen hatte Miko nicht ganz von drei runtergezählt, da ertönte auch schon das „Auaaaaa. Ich wollte doch eigentlich nur… Auaaaaa“ von Fesk. Dina hatte ihm wortlos zwei ordentliche Hiebe auf die Schulter versetzt und grinste nun sichtlich zufrieden.

„Wollen wir noch weiter zum Bach hochlaufen?“, fragte sie.

„Hm, ich weiß ehrlich gesagt nicht, Dina. Langsam knurrt mir der Magen und…“, ehe Miko den Satz beenden konnte, fiel ihm seine Freundin ins Wort:

„Ich kann uns ja was jagen. Was haltet ihr davon? Es ist so schön und schaut doch, wir haben noch massig Zeit, bevor die Dunklung einsetzt.“ Sie zeigt mit dem Finger auf den Horizont.

Fesk waren diese Ausflüge nie sonderlich angenehm. Das merkten seine Freunde vor allem dadurch, dass er ihnen, je weiter sie von ihrem zu Hause entfernt waren, immer näher auf die Pelle rückte. Das war auch der Grund, warum Dina und Miko sich von Zeit zu Zeit allein wegschlichen, um Tiere zu jagen oder die Umgebung zu erkunden. Miko hauptsächlich aufgrund des vielen gemeinsamen Zusammenseins, Dina hingegen, so hatte er oft den Eindruck, weil in ihr ein Feuer loderte, von dem sie wollte, dass es auf ihn übergreift.

„Ja, aber was Garda schon so alles gesagt hat. Und seht es mal so, wir könnten direkt noch ein paar Penjas pflücken, wenn wir denn nachher direkt am Steig zurücklaufen“, sagte sie anspornend.

„Das wird aber Mendo nicht gefallen!“, entgegnete Fesk schon etwas ängstlich. „Seit er die Aufsicht hat, weht auch gleich ein ganz anderer Wind durch Fennquell. Ich habe gehört, dass hinter seinem Rücken viele über ihn schimpfen.“

Dina und Miko nickten ihm zu. Gerüchte verbreiteten sich hier oben rasend schnell. Die drei Freunde blickten über die Seen nach Norden und grübelten vor sich hin.

Miko wollte eigentlich nicht zurück. Aber auch nicht weiter fort. Er wusste nicht, was er eigentlich wollte. Die Abkühlung tat gut und mittlerweile hatte er sich auch an seine neue Ziehmutter gewöhnt, aber es war einfach nicht das Gleiche. Fast alles, was dem jungen Fenn Spaß machte, verbot sie ihm. Das wirre Gerede, das für ihn nur aus einem Geflecht unverständlicher Rätsel bestand, die bohrenden Blicke und Fragen, wo er denn gewesen war, und ihre strenge Erziehung waren für ihn nicht einfach zu akzeptieren. Dina und Fesk hatten ihm aber so gut sie konnten durch diese schwer erträgliche Zeit geholfen und in Momenten wie diesem ärgerte er sich auch immer, sie mit seiner Unentschlossenheit auszubremsen.

Eine Gestalt rannte aus ihrer Blickrichtung auf sie zu. Ein spitzer Hut war zuerst zu erkennen, dann eine ordentliche Wampe, die mit jedem Schritt bedrohlich auf und ab wippte.

„Wer ist das?“, fragte Dina interessiert und hielt die Hand hochkant neben ihr rechtes Auge, um besser sehen zu können.

„Ich weiß nicht, aber es scheint ganz so, als hätte er es eilig“, antwortete Miko.

„Wenn der so schnell rennt, sollten wir hier besser nicht stehen bleiben“, wimmerte Fesk mit brüchiger Stimme und schob sich instinktiv zwischen seine zwei Freunde.

„Der kommt genau auf uns zuuu…“, entfuhr es Dina erschrocken.

Der Unbekannte sprang trotz seines augenscheinlich hohen Alters stets zielsicher auf die nur wenige Schritte breiten, grünen Grasflecken, die die Wasserstellen voneinander trennten. Mal umkurvte er eine, dann rannte er mitten durch eine andere, sofern ihm das Wasser dieser nur bis knapp über die Knie reichte. Er trug einen braunen Fetzen, der einer zerlumpten Decke ähnelte, und hatte einen krausen, grauen Vollbart, der buschig mehr Platz vor dem Gesicht einnahm, als darunter. „Ihr da! Schnell! Ich brauche ein Versteck!“, kündigte er mit ausgezehrter Stimme seine Ankunft an.

Das überraschte die Drei und erwischte sie völlig auf dem falschen Fuß. Dina schaltete als Erstes und drehte sich hektisch um, doch hier gab es weit und breit keine Gebäude oder Bäume, kein Dickicht und keine Sträucher. Nur Wasser und die Weite.

„Wir spielen nun ein Spiel. Da kommen gleich ein paar sehr miesgelaunte Wachen, die mich vielleicht für etwas zur Rechenschaft ziehen wollen, das sie nicht verstehen. Ihr sagt ihnen einfach, ich wäre runter ins Tal gelaufen, in Ordnung?“, pustete der alte Mann.

Fesk sah, dass der fremde, komische Kauz mit seinen Augen die Seen absuchte. Er zeigte in den langen Woog links von ihnen, ein Viertel Lend von ihnen entfernt.

„Aha! Ich wusste, ihr seid von der schnellen Sorte. Wie gesagt, ich bin da runter gerannt, als wäre ein tobendes Bento hinter mir her, verstanden?“, wies er sie an, ohne jedoch eine mögliche Zusage abzuwarten. Mit wankender Plauze und wippendem Hut sprang er zu dem ihm gezeigten Woog hinüber.

Dinas Ohren vernahmen die lauten Rufe und das aufgebrachte Gebrüll als erstes. Die Geräusche stammten offenbar aus der Richtung, aus der auch der alte und gutbeleibte Sonderling eben noch gekommen war. Auch die beiden anderen schreckten nun auf und sie wandten ihre Blicke von dem Fremden ab, um nach der Quelle des Gebrülls Ausschau zu halten. Einzig Mikos Blick verblieb auf dem dicklichen Unbekannten. Mit einem letzten Satz sprang er mitten ins Wasser. Nur sein spitzer Hut verlieb kurz auf der Wasseroberfläche, bis auch er, wie von einem hungrigen Rieling geschnappt, ebenfalls in der Tiefe verschwand. Miko wunderte sich noch darüber, dass nicht eine einzige Luftblase an der Oberfläche zerplatzte, als eine laute Stimme ertönte.

„Ob ihr Kinder einen Mann gesehen habt, habe ich gefragt!“, schrie der Vorderste der Soldaten aus etwas Entfernung.

„Bei Fendiril, die Miliz von Ehrfels“, flüsterte Dina etwas abfällig, als sie das Banner erkannt hatte, das der Mann vor sich hertrug. Ein breites Tor mit drei Gattern thronte vor einem breiten, schwarzen Felsen, hinter dem sich eine Palisade abzeichnete.

„Das siehst du auf diese Entfernung?“, fragte Fesk sichtlich beeindruckt.

Mit einer Handbewegung ließ der Mann ein halbes Dutzend weiterer Milizen nach links und rechts ausschwärmen, die im Nu begannen, die Umgebung abzusuchen und dabei auch die Tümpel und Teiche nicht ausließen.

„Hört ihr schlecht?“, warf der Soldat angefressen hinterher und kam immer näher auf die Freunde zu.

Fesk wollte gerade etwas sagen, als ihm Dina zuvorkam. „Meint ihr einen bärtigen, älteren Mann?“, fragte sie mit einer Stimme, die an Unschuld und Ehrlichkeit kaum zu überbieten war.

„Ja genau der. Wo ist er hin?“, donnerte die Stimme ihr entgegen. Augenblicklich stellten die anderen Soldaten ihre Suche ein und warteten, wie auch ihr Anführer, auf die Antwort.

„Er fragte wo es am schnellsten nach Weiler geht und wir deuteten hier hinunter ins Tal. Dann rannte er hier außen entlang“, Dina schwang ihren ausgestreckten Arm und damit auch die an ihm heftenden Blicke der Männer nach rechts hinunter auf ein weit entferntes Wäldchen, „und dann dort hinunter. Er sagte aber auch sonst nichts weiter. Wir waren schon ganz erschrocken, ob er von Glimmerwölfen oder gar etwas Schlimmeren gejagt würde und es nun in unsere Richtung führen würde.“ Bei dem letzten Halbsatz zeigte sich nun das ganze schauspielerische Geschick der jungen Fenn. Sie verdrückte doch tatsächlich ein Tränchen und wirkte von ihrer Körperhaltung und dem bibbernden Klang ihrer Stimme verstört und verängstigt.

Miko klatschte gedanklich Beifall und dachte sich nur: „Was für ein Biest sie doch sein kann.“ Dann wurde er jedoch jäh aus seiner Bewunderung für seine Freundin gerissen, als der Mann ihn direkt ansprach.

„Also dort entlang?“, fragte der Soldat.

Miko wollte die Einlage Dinas nicht ruinieren und stimmte wild nickend zu. „Ja, dort ist er eben ins Tal gerannt. Ist er denn gefährlich?“, fragte er die Wachen, doch diese rannten schon los und würdigten die Drei keines Blickes mehr.

Dina hielt Fesk noch kurz mit harschem Griff am Unterarm fest, damit er es nicht doch noch vermasselte und schaute dann dem Trupp hinterher, wie er nach und nach hinter den letzten Seen verschwand, bis das Klappern und Trampeln vom Wind verweht nicht mehr an ihre Ohren drang.

„Du bist aber auch ein…“, begann Miko teils entrüstet, teils belustigt in Dinas Richtung zu flüstern, brach jedoch ab, als sie ihren Umhang löste und ihm die nasse Tunika entgegenstreckte. Dann machte sie kehrt und freute sich gerade zu diebisch darüber, ihm die Vervollständigung seines Satzes streitig gemacht zu haben.

Fesk schaute nun zu dem kleinen Woog zu seiner Linken, zu dem sich seine Freunde bereits aufmachten. Das Schilf verdeckte die Sicht, doch war so bewegungslos, dass es keinerlei Hinweise darauf gab, dass dort eben noch der Fremde hineingesprungen war.

„Solange kann niemand die Luft anhalten“, sagte Miko besorgt.

Dina nährte sich ganz interessiert und mit schnellen Schritten dem Rand der Wasserstelle.  Sie sah… rein gar nichts. Wagemutig suchte sie nach einem Stock, mit dem sie die Blüten beiseiteschieben könnte, als plötzlich der oberste Zipfel eines Hutes durch die Wasseroberfläche stieß und kleine kreisförmige Wellen über den Wasserspiegel schickte.

Miko meinte eine leicht silbrige Substanz am Hut erkannt zu haben, die wie ein kleiner Topfen eines Regenschauers vorsichtig ihren Weg hinabkroch. Dann tauchte der Mann langsam und in aller Seelenruhe auf, als würde ihn das erfrischende Nass höchstpersönlich ins Freie entlassen. Nicht eine einzige Luftblase kam mit ihm hinauf. Fesk rieb sich die Augen und zweifelte an sich. „Bei der Göttin…“, entfleuchte es Miko, der sich fester als ihm lieb war in den eigenen Arm kniff. Nur Dina war unerschrocken interessiert und streckte sogar ihre Hand aus, um dem Mann hinaus zu helfen. Dann kam sein Gesicht zum Vorschein. Erst ein Teil der schmalen Stirn, der vom dunklen Hut nicht verdeckt war, dann die buschigen Augenbrauen, zerzaust und grau von Alters her. Gefolgt von den dunklen, grünen Augen und der knubbeligen Nase, etwas in Schieflage geraten, wie die Segel der Windmühlen rund um Fennquell nach einem Sturm. Dann begann auch schon das dichte Gestrüpp aus Bart und spätestens hier war es ganz vorbei mit der Logik. Nicht ein Tropfen Wasser tränkte den Bart. Im Gegenteil. Er kam trockener aus dem Woog als die Drei, die durch die Hitze schon wieder zu schwitzen begannen. Dina und Miko traten einige Schritte zurück und schauten verblüfft zu, wie der bärtige Mann nun scheinbar auf dem Wasser stand, ohne irgendwo nass zu sein und mit einem großen Schritt hinüber auf das Gras setzte.

„Danke, dass ihr mich nicht verraten habt“, sagte er und lächelte sie an. Er zog seinen Hut vom Kopf und beugte sich dankbar etwas hinunter. Dann schritt er an Dina vorbei und holte tief Luft. Jedoch durch die Nase, ganz so, als wäre er aus einem stickigen Speicher im Obergeschoss eines Hauses entkommen. „Hach, was ist das nur für ein schöner Flecken Land. Hier kann man es sich bestimmt gemütlich machen. Zu wem gehört ihr überhaupt?“

Dina und Fesk warfen mit den Namen ihrer Eltern um sich, während Miko still blieb und sich kurz darauf den erwartungsvollen Blick des Fremden zuzog. Miko grübelte kurz und gab dann doch Antwort: „Garda von Dornring.“

Der Mann schaute sich Miko genauer an und setzte dann mit einem Lächeln Dina kurz seinen Hut auf, wobei er sie lobte: „Eine kluge, junge Frau bist du, die hast du aber schön geblendet. Dein Talent wäre irgendwann dort gut untergebracht, wo man sich nicht in die Karten schauen lässt und einen scharfen, prüfenden Blick schätzt. Das wird wohl aber nicht hier oben sein.“ Er nahm den Hut wieder runter und ging hinüber zu Fesk. Als er Miko passierte, sagte er: „Die im Norden werden uns noch Ärger bereiten. Da bin ich mir sicher.“ Er roch mit seiner krummen Nase an Miko, was diesem mehr als unangenehm schien, so er sich leicht zurücklehnte. Der alte Mann ließ sich davon aber nicht beirren und stolperte weiter auf den abseitsstehenden Fesk zu, der nicht wirklich weiter zurückweichen konnte, da er schon bis zu den Knöcheln in einem kleinen Tümpel stand. „Das solltest du besser mal verbinden lassen. Kannst du denn sowas schon? Heiler sind wichtig, aber meiner Kenntnis nach gibt es hier sehr wenige, die diese alte Gabe besitzen oder das Handwerk ausführen“, erklärte er, als er auf Fesks gerötete Stelle am Unterarm zeigte, an dem er vorhin festgehalten wurde. Auch ihm setzte der Mann mit einem gütigen Blick kurz seinen Hut auf und drehte sich dann erneut um, um langsam wieder auf Miko zuzulaufen. „Du hast deiner Freundin hier gut zugespielt, Junge. Es wird eine Zeit kommen, da musst du aber besser auf sie achten. Dann, wenn du es am wenigsten erwartest oder siehst. Noch schaust du dort ins Tal hinunter und siehst die Entfernung. Irgendwann schaust du aber hinunter und hörst die Rufe. Sie werden nicht laut sein. Sie werden nicht verständlich sein. Sie werden dich nicht bitten. Doch folge ihnen. In einer Welt voller Chaos bringt dich Logik nicht weiter …“, brabbelte er mit ruhiger, aber wohltuender Stimme.

Miko hörte aufmerksam zu, doch es schien, als könne er sich schon jetzt an den Satz zuvor nicht mehr richtig erinnern. Dann stand der Alte genau vor ihm und fuhr fort:

„Heute habt ihr einem alten Mann geholfen, doch ein alter Mann muss kein alter Mann sein. Irgendwann hilf auch du den Jünglingen. Auch wenn die Jünglinge gar keine sind und du dir nur selbst damit helfen willst.“ Nun setzte er auch Miko den Hut kurz auf und nahm ihn wieder ab, um ihn selbst auf sein Haupt zu setzen. Dann wandte er sich von der Gruppe ab, schaute in die Richtung, aus der er gekommen war und machte langsam die wenigen Schritte auf den Weiher zu, der vor ihm lag. „Fendiril, so soll es denn sein. Ein Fünkchen Hoffnung, ein Hauch des Windes. Wo Schatten und Licht in einem verschwimmt, dort werden wir tagen, was andere sagen. Auch wenn sich nichts dreht, es weiter doch geht“, schwafelte er in den abstehenden, grauen Bart und sprang dann mit einem Hüpfer ins Wasser hinein.

Eine kurze Zeit verging und Vögel landeten wieder in der Nähe der Freunde, die immer noch perplex auf den vor ihnen liegenden Weiher starrten.

„Rotbach nun also, oder nicht?“, fragte Dina.

Miko kam diese Frage äußerst komisch vor. Als hätte er etwas anderes auf dem Herzen gehabt. Doch fiel ihm partout nicht ein, was es denn gewesen sein könnte. Er kratzte sich am Arm und stellte nach einem prüfenden Blick erschrocken fest, dass er sich diesen wohl vorhin beim Baden eingeklemmt haben musste. Die Haut tat an dieser Stelle weh und sah etwas geschunden aus.

Dina mochte diese Stille ganz und gar nicht. Wollte sie doch etwas loswerden oder irgendetwas tun. Dann fiel es ihr wieder ein. „Na warte!“, schrie sie in Fesks Richtung und rannte auf ihn zu. Der wiederum machte auf dem Absatz kehrt und rannte lachend vor ihr davon.

„Ich habe nicht hingeschaut, ich verspreche es“, rechtfertigte er sich, ohne jedoch die Hoffnung zu hegen, sie würde von ihrem Vorhaben absehen. Als er seine Arme abwechselnd auf der Flucht nach vorne warf, bemerkte er ungläubig eine Stelle, an der Dina ihm wohl vorhin schon einmal eine gelangt haben musste. Außerdem schmerzte seine Schulter etwas. „Das muss wohl noch von vor ein paar Dunklungen stammen“, redete er sich ein.

Dina blieb stehen als sie ihm einmal rund um den Teich hinterhergerannt war und blickte nach Norden. Sie hielt intuitiv ihre Handfläche senkrecht an ihre Wange und versuchte in der Ferne etwas zu erkennen, das gar nicht da war. Ein komisches Gefühl beschlich sie dabei.

„Ja, es ist ja auch noch Zeit und Ärger bekomme ich ja eh schon von Garda. Lasst uns in Rotbach noch einen Abstecher machen, liegt ja sowieso auf dem Weg“, stimmte Miko nun aus heiterem Himmel zu.

„Ja, aber was Garda schon so alles gesagt hat. Und seht es mal so, wir könnten direkt noch ein paar Penjas pflücken, wenn wir denn nachher direkt am Steig zurücklaufen“, schlug Dina vor.

Fesk rieb sich etwas die Stelle am Arm und wagte es nicht, schon wieder der ängstliche Spielverderber zu sein.

„Gute Idee, aber auch irgendwie schade, dass hier gerade niemand ist“, stellte Miko etwas enttäuscht fest und ließ seinen Blick über die Seen schweifen.

Nachdem sie sich nach Links gewendet hatten, um sich auf den Weg zu machen, fiel ihr Blick auf einen kleinen Woog, in dem eine einsame Blüte schwamm. Gedankenverloren sahen sie an ihr vorbei und konnten leicht den Grund der Wasserstelle und gar einige kleine Steinchen erkennen.

Fesk runzelte die Stirn. „War der nicht einmal tiefer? Ich meine, dass in diesem sogar ein ganzer Fenn reingepasst hätte…“ Nun schauten alle etwas ungläubig drein und musterten das kleine Wasserloch.

„Das muss ein anderer gewesen sein, immerhin sehen die meisten hier gleich aus und es gibt viel zu viele davon“, erwiderte Miko.

Dina und Fesk stimmten ihm zu, ehe sie sich schließlich alle auf den Weg nach Norden machten. Jeder der Freunde war für sich noch eine ganze Zeit am Grübeln und am Überlegen. Als hätten sie über etwas sprechen wollen, das ihnen einfach von der Zunge genommen wurde.

Über den Autor

Manu ist einer unserer Buchautoren und beglückt uns regelmäßig mit sehr langen Spin-Offs, sehr langen Podcasts oder zumindest langen Atempausen. Er strotzt vor Ideen, liebt Fantasy und ist in seinem Eifer kaum zu bremsen. Neben Dystopia kümmert er sich auch um unser Spiel und die Pflege der Community.

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