Wende 420

Es ist wie ein leichtes Wimmern in allem Dinglichen. Ein Zittern in der Luft, ein leises Beben in der Erde, eine unerklärliche Kälte in den Knochen. Man kann es nicht messen, nicht erklären, doch man kann es fühlen. Es ist das Gefühl von Veränderung, von einem schleichenden Wandel, von nahendem Unheil. Es ist dieses Gefühl, das vage und dennoch untrüglich wirkt. Eine Warnung vor diesen einschneidenden Ereignissen, von denen man sonst nur in alten Geschichten hört. Geschichten, die zu vergangen und verblasst sind, um sie in seiner eigenen, kurzen Lebensspanne für denkbar und erfahrbar zu halten. Und doch weiß jedes Lebewesen auf dieses Gefühl zu hören und instinktiv nach den Zeichen Ausschau zu halten. Es mag mit einer Windwende beginnen, die sich verspätet. Oder einer Ernte, die aus unerfindlichen Gründen schlecht ausfällt. Tiere, die sich merkwürdig verhalten. Langsam, aber stetig stellt sich bei jedem ein leichtes Unbehagen ein und wächst wie ein langer Schatten, der sich über alles Gute und Schätzenswerte legt. Träume werden dunkler, Freuden vergänglicher. Und selbst die sonst so warme Sonne vermag kaum noch, die Schrecken der Dunklung nach dem Aufwachen zu vertreiben.

„Herr“, sagte eine Stimme. „Herr, wir sollten aufbrechen.“

Drok schrak auf und rieb sich die Augen. Fetzen schlimmer Träume flogen durch seine Gedanken und hielten ihn noch kurz im Bann. Er schaute sich schläfrig um. Im Eingang seines purpurroten Zeltes stand einer der zwanzig Grünbrigadisten, die er für diese Mission unter Kommando hatte. „Danke, Embra“, erwiderte Drok leise. „Bitte veranlass, das Lager abzubauen.“

„Sehr wohl, Herr“, antwortete Embra und verschwand.

Kraftlos erhob sich Drok. Die kurze Pause hatte nicht die erhoffte Wirkung gehabt. Zu schwer wog die Angst vor den Risiken, die ihnen bevorstanden. Dabei hatte er gar nicht um sein eigenes Leben Angst, vielmehr um die Leben der Männer und Frauen, die ihn begleiteten. Er selbst war ein alter Mann, der nichts mehr zu verlieren hatte. Doch die emsigen Fenn draußen vor dem Zelt waren jung und hatten noch viele Wenden vor sich. „Genug davon“, sagte er zu sich und griff nach seinem Schwert und seinem giftgrünen Schild.

„Die Kisten müssen noch auf den Karren dort! Und baut die Zelte ab!“, rief Embra, als Drok gerade sein Zelt verließ. „Beeilung, wir wollen hier nicht anwachsen!“

Drok ließ den Blick über die Gesichter seiner Gefolgschaft schweifen. Er sah Angst, Nervosität und Unverständnis. „Nicht verwunderlich“, dachte er. „Für viele von ihnen muss es die erste Unternehmung nördlich der Eimh sein.“

Für die Fenn war die Region nördlich der Eimh – Sperrhügel genannt – ein Graus. Während die Grünbrigadisten den Wald der Dämmerflanke wie ihre Westentasche kannten, waren die Wälder, Ebenen und Berge des Sperrhügels größtenteils unerforschtes Terrain. Die Gefahren hier waren unzählbar. So war nicht nur wenig über die Jagdgebiete der Wildtiere bekannt, sondern auch quasi nichts über die Wege und Verstecke der Goblins, die hier vermehrt ihr Unwesen trieben.

„Embra, wenn ihr mit dem Verladen fertig seid, ruf mir bitte alle zusammen. Ich halte eine Ansprache für angebracht.“

„Sehr gerne, Herr“, erwiderte Embra. Auch ihm war anzusehen, dass ein paar motivierende Worte dringend nötig waren.

Es war das Verantwortungsbewusstsein, das Drok seine eigenen Sorgen und Ängste ignorieren ließ. Auch er fühlte den Schatten, der dort zwischen den Bäumen lauerte. Eine böse Ahnung, als ob man ständig beobachtet würde. Er schritt an den Wagen vorbei und stellte sich an den Rand der Lichtung. Nur mit Mühe stand er aufrecht, um den Schein von Autorität und Entschlossenheit zu wahren.

„Aufstellung!“, schallte es über die Köpfe der Fenn hinweg. Ohne Zögern reihten sich die Kundschafter vor dem hageren Mann auf.

„Danke, Embra“, begann Drok. „Brüder und Schwestern, ich weiß um eure Sorgen und euer Unbehagen. Für die meisten ist dies sicher die erste Mission nördlich des Flusses. Doch lasst mich euch an euren Mut erinnern. Jeder von euch hat sich freiwillig für diesen Auftrag gemeldet. Jeder von euch weiß um die Gefahren dieser Unternehmung. Und doch seid ihr hier. Denn ihr wisst auch um die Wichtigkeit unseres Auftrags und um seine Bedeutung für die Sicherheit unseres Volkes. Ich möchte, dass ihr wisst, dass ich stolz auf euch bin und das ich mich selten unter so tapferen Fenn wusste. Goblins werden uns ebenso wenig aufhalten wie Raubbären, Glimmerwölfe, Bentos oder irgendwelche Geistergeschichten. Steht zusammen, haltet die Augen offen und die Klingen scharf. Dann werden wir bald schon in Kronenwacht einen wohlverdienten Penjalikör miteinander trinken. Die Wipfel im Rücken!“

„Die Wipfel im Rücken“, wiederholte die Schar und stob auseinander, um die letzten Arbeiten abzuschließen.

„Bin ich froh, wenn wir den Mist hinter uns haben“, schoss es Drok durch den Kopf, als er bemerkte, dass seine Rede offenbar nur wenig Einfluss auf die Stimmung seiner Truppe hatte. Er hatte aber auch nicht viel mehr erwartet. Wusste er doch selbst nicht, welchem genauen Zweck ihre Mission diente. Dass sie das Reich schütze, war eine Phrase, die er von Lulluh übernommen hatte. Wie genau es dem Reich helfen solle, wenn er kistenweise Material im Gebiet der Goblins abstellte, war ihm schleierhaft. Unter seinem Gefolge kursierten allerdings einige Theorien, die gerne am Lagerfeuer ausgetauscht wurden.

Die beliebteste Theorie war die, dass man mit diesen Kisten voller fremder und wertvoller Waren Zwist und Unfrieden unter den Goblins säen wolle. Es war nicht viel bekannt über diese kleinen, grausamen Wesen. Doch wusste man, dass sie in verschiedene Stämme untergliedert waren und dass diese sich – insbesondere in der Region Sperrhügel – gern auch untereinander bekriegten. Solange sie sich um diese Beutekisten stritten, würden sie nicht die Eimh überqueren. Das war jedenfalls die Hoffnung. Eine andere, weniger beliebte Theorie war, dass es sich bei den Kisten um Tribute beziehungsweise Geschenke handelte und Lulluh insgeheim versuchte, darüber einen Kontakt zu den Goblins herzustellen. Doch diese gewagte Vermutung war sehr umstritten. Viele Fenn glaubten nicht daran, dass Goblins überhaupt sowas wie eine Sprache, geschweige denn ein Verständnis von Diplomatie besaßen.

„Wir sind abmarschbereit“, sagte Belisa, die zusammen mit zwei anderen Grünbrigadistinnen zu Drok gekommen war.

„Gut“, sagte Drok und suchte nach Embra. Doch Belisa hatte ihn schon ausfindig gemacht und gestikulierte ihn her. Dankbar nickte er der brünetten Fenn zu und hob die Hand, um den Marschbefehl zu geben.

 

Ein Wink des Schicksals

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