Wende 413

Etwas Fremdartiges lag in der Luft, Drok konnte es förmlich wittern. Eigentlich war er südlich von Fennquell auf der Jagd nach Wild, doch nun hielt er plötzlich inne. Er spitzte die Ohren, streckte sich und ließ den Blick über die Bäume des dichten Waldes schweifen. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören. Dennoch stimmte etwas nicht, da war er sich sicher, denn seine Instinkte täuschten ihn nie. Leichtes Unbehagen keimte in ihm auf. Vorsichtig zückte er seinen Bogen und legte einen Pfeil an.

Wieder lauschte er in den Wald hinein. Nichts, nicht mal das Zwitschern der Vögel war zu hören. „Für Glimmerwölfe ist die Dunklung schon zu nah“, dachte Drok mit einem Blick zum Himmel. „Und Raubbären und Bentos lauern einem nicht auf, zumindest nicht bei Ostwind.“ Trotzdem waren die Warnsignale eindeutig, denn selbst die vertraute Gänsehaut stellte sich langsam ein.

Vorsichtig, ohne einen Laut von sich zu geben, drehte er sich um. Wieder nichts. Er blinzelte. „Bin ich von Sinnen, verrückt geworden, langsam zu alt für diese Arbeit?“, fragte er sich verwirrt. Er horchte in sich hinein, erforschte seine Gefühle. Es war wie ein geräuschloses Kratzen an der Tür zu seinem Geist. Ganz so, als ob etwas Böses in seine Gedanken eindringen wollte, wenngleich es nur sehr schwach war. Der Fenn atmete kräftig ein und verdrängte dieses Gefühl geschwind wieder. „Mach dich nicht wahnsinnig“, bestärkte er sich und setzte seinen Weg bedächtig fort.

Nach einigen Schritten hielt er erneut an. Nicht weit vor ihm, zwischen zwei Büschen, war eine große Silhouette zu erkennen. Droks Herz begann zu rasen. Diesen Pelz kannte er zu gut. Es war das dichte, fettige Fell eines Sturmkeilers. Er war schon drauf und dran, Reißaus zu nehmen, als er die rötliche Färbung bemerkte. Verwundert bückte er sich nach einem Stein, schaute sich nach einem geeigneten Fluchtweg um und warf dann nach dem Tier.

Der Stein fand sein Ziel, doch fiel nur anteilslos zu Boden. Der Keiler regte sich kein Stück. Als Jäger wusste Drok, was das zu bedeuten hatte. Sturmkeiler reagieren immer auf eine Provokation, Verschlagenheit oder gar das Planen einer Falle war ihnen absolut fremd. Also näherte sich Drok mit der nötigen Umsicht. Als er den Körper des Tieres schließlich erreicht hatte, runzelte er skeptisch die Stirn. Das massige Wesen war ganz offenbar Opfer eines anderen Raubtieres geworden. Tiefe Schnitte zogen sich entlang der dargebotenen Flanke. „Welches Ungeheuer hat so lange Krallen?“, durchfuhr es ihn, während er zugleich bemerkte, dass nichts von dem Fleisch des Keilers gefressen war.

Sein Blick fand die langen Hauer des Kadavers. Sie waren von einer zähen, schwarzen Flüssigkeit überzogen. Nachdenklich trat der Fenn ein paar Schritte zurück. Ihm dämmerte, dass diese Entdeckung ihm irgendetwas sagen sollte und so grub er angestrengt in seinen Erinnerungen. „Wo hast du von diesem schwarzen Zeug schon mal gehört?“ Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Panisch drehte er sich um und lief zurück Richtung Fennquell.

Nie in seinem Leben war er so schnell gelaufen. Er sprang über Wurzeln, Felsen und Bäche, nahm Schrammen und Prellungen in Kauf und gönnte sich keine Pause. Als der Wald sich schließlich lichtete, drangen erste Schreie an seine Ohren. Es waren Schreie der blanken Angst, die ihm bis ins Mark fuhren.

Einen weiteren Sprint später sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Vier nackte, leicht bläuliche Gestalten zerrissen einen jungen Farmer, der sich schützend vor eine Frau gestellt hatte, die wie angewurzelt einige Schritte hinter ihm stand. Der Schrei, der ihr entfuhr, zeugte von purer Verzweiflung und war an Grausamkeit nicht zu überbieten.

Drok zückte wieder seinen Bogen und legte noch im Lauf an. Er zielte auf den Render, der sich im Hals des Mannes verbissen hatte, ließ den Pfeil los, doch stolperte plötzlich. Mit einem kräftigen Rums fiel er mit dem Gesicht voraus ins hohe Gras. Augenblicklich drehte er sich wieder um und prüfte, über was er gefallen war. Es war der Leib eines anderen Farmers, der zuckend und blutend im Gras verborgen lag. Entsetzt griff Drok wieder nach seinem Bogen und sprang auf.

Zu spät. Diese Ausgeburten des Todes hatten sich schon auf die Frau gestürzt, die kampflos ihren letzten Atemzug nahm. Ein Pfeil nach dem Anderen traf die Render, ohne große Wirkung zu erzielen. Drok griff gerade nach seinem letzten Pfeil und war schon um sein eigenes Wohl besorgt, als plötzlich ein Kampfschrei ertönte, der die Aufmerksamkeit der Render auf sich zog.

Über die Kuppe der Wiese kamen einige leicht gerüstete Männer herangestürmt. Doch zum Glück waren sie mit dem Einzigen bewaffnet, was gegen diese widerwärtigen Biester zumindest etwas vielversprechend schien. Es waren lange, spitze Speere, die sie gemeinsam auf die vier Wesen richteten.

Die Monster ließen von der Frau ab und stoben auseinander. Zwei von ihnen schlugen einen großen Bogen und versuchten die Männer von der Flanke zu attackieren, während die beiden anderen den Frontalangriff wagten. Kurz bevor die beiden letzteren die tödlichen Speerspitzen erreicht hatten, setzten sie zum Sprung an. Die Männer hoben die Speere und spießten einen der beiden in der Luft auf. Der Nachfolgende wurde allerdings nur von dem einen verbliebenden Speer getroffen, der in der Hektik als Einziger zurückgehalten wurde. Der Render wirkte wenig beeindruckt von der eisernen Spitze in seinem Bauch und zog sich eifrig an den Träger der Waffe heran.

Drok legte seinen letzten Pfeil an, zielte gewissenhaft und ließ die Sehne los. Mit einem Zischen eilte das Geschoss auf das Gemenge zu und durchschlug den Hals des Renders vollends. Schwarzes Blut spritzte in das Gesicht des jungen Speerträgers, ehe er zusammen mit der Bestie zu Boden ging. Der Pfeil hatte ihn mitten in die Brust getroffen.

Die anderen Männer zogen gerade ihre Waffen aus dem ersten Angreifer, als die letzten beiden Render von den Flanken über sie kamen. Es war schrecklich anzusehen, wie das verbliebende, halbe Dutzend Fenn um ihr Überleben kämpfte. Als endlich alles vorüber war, standen nur noch drei von ihnen. Entkräftet und vom unsäglichen Schrecken übermannt, sackte Drok zusammen und wurde ohnmächtig.


„Beschreibt mir bitte nochmal genau, wo ihr den toten Sturmeber gefunden habt“, sprach der Hauptmann der kleinen Kaserne Fennquells.

Drok wiederholte seine Angaben: „Südlich von hier, auf halbem Weg nach Dämmerfall. Kaum abseits des Weges. Folgt einfach den Aasfressern.“ Ein Schluchzen durchfuhr ihn.

„Hatten eure Männer die Palisade nicht neulich noch überprüft?“, fragte eine alte Frau aus dem Hintergrund.

Der Hauptmann drehte sich um und nickte. „Ja, verlässliche Männer!“

„Schickt sie bitte erneut“, erwiderte die Alte.

„Ihr habt Garda gehört“, rief der Hauptmann einer Wache zu, die sofort fügsam den Raum verließ.

„Bei Fendiril, was haben diese Ungeheuer so tief im Reich verloren?“, fragte Drok mit zittriger Stimme. „Ich dachte, die gibts nur im Osten.“

Der Hauptmann zuckte mit den Schultern und blickte erwartungsvoll zu Garda.

„Das ist keine Frage, die ich zu beantworten vermag“, erwiderte die alte Frau. Sie drehte sich zum Gehen und murmelte: „Entschuldigt mich, ich muss ein paar Briefe schreiben.“

„Was ist mit dem Kind?“, rief der Hauptmann, als die Alte schon an der Tür stand. „Alvin und Senon hatten einen kleinen Sohn. Er war zum Zeitpunkt des Angriffs bei den anderen Kindern am Wiegebaum.“

Garda blickte sich noch einmal um. Ihr Gesicht war von tiefer Besorgnis gezeichnet. „Ich kümmere mich darum“, sagte sie leise und verließ dann den Raum.

Der Hauptmann blickte wieder zu Drok und musterte ihn eingängig. Das Gesicht des sehr großen und schlaksigen Jägers sah aus, als sei es seit dem Kampf um 10 Wenden gealtert. Die Augen waren starr und leer, die Stirn lag in tiefen Falten und sein Mund stand ohne jede Regung offen. Der Hauptmann kannte diesen Ausdruck und ahnte, welche Gedanken sich hinter diesem geisterhaften Anblick verbargen. „Ihr braucht euch keine Vorwürfe machen“, sagte er vorsichtig. „Euer Pfeil hat nichts an seinem Schicksal geändert.“

Drok zuckte kaum merklich. „Ich kenne die Familie des Mannes, sie lebt nur zwei Lends entfernt und holt regelmäßig etwas Wild bei mir“, flüsterte er mit gebrochener Stimme. „Was soll ich ihnen sagen?“

„Die Wahrheit“, sagte der Hauptmann sehr deutlich. „Dass ihr in einer hoffnungslosen Situation euer Bestes gegeben habt, um ihren Vater doch noch zu retten.“

„Ich habe aber nicht mein Bestes gegeben“, erwiderte Drok schluchzend. „Ich habe im Wald zu lange gezögert, die Zeichen zu spät erkannt. Und ich war für einen Jäger viel zu ungeschickt im Kampf. Wäre ich früher…“

„Unsinn!“, unterbrach der Hauptmann. „Ladet euch nicht die Schuld der ganzen Welt auf die Schultern. Der Schutz Fennquells liegt allein in meiner Verantwortung. Niemand hat hier in der Rohsteige mit Rendern gerechnet, auch ich nicht! Die letzte bekannte Sichtung dieser Ungeheuer war irgendwo zwischen Kuer und Weidhain. Doch das ist schon einige Wenden her und diese Render wurden von einem tapferen Offizier bis auf den Letzten vernichtet. Ansonsten sind ihre Spuren äußerst selten und höchstens in der Dämmerflanke mal zu finden.“

Drok horchte auf und in seinen Augen regte sich wieder etwas. „Danke, Hauptmann“, sagte er anteilslos, griff nach seinem Bogen und schritt zum Ausgang.

Als die schwere Tür ins Schloss fiel, beschlich den Hauptmann ein ungutes Gefühl. Er kratzte sich an seiner Nase und drehte sich zur großen Karte um, die hinter ihm an der Wand hing. Einen kurzen Augenblick später stürzte er Drok hinterher. „Wartet!“, rief er. „Euer Vorhaben ist sinnlos und selbstmörderisch!“

„Ich weiß auf mich aufzupassen!“, entgegnete Drok.

„Selbst wenn ihr alle Gefahren der Dämmerflanke überlebt, wird euch die Grüne Brigade erwischen und in Kuer einsperren“, erwiderte der Hauptmann.

Drok hielt an. „Hier hält mich nichts mehr“, sprach er mit traurigem Unterton. „Für eine eigene Familie bin ich längst zu alt, meine Hütte bedeutet mir nichts und mein Handwerk kann auch jemand anderes erledigen.“

„Das ist trotzdem kein Grund für kopflose Abenteuer“, sagte der Hauptmann keuchend, nachdem er zu Drok aufgeschlossen hatte. Doch er sah die Entschlossenheit in den Augen des Jägers und wusste, dass kein Wort ihn umstimmen würde.

„Nur dort kann ich etwas von meiner Schuld wiedergutmachen. Nur dort kann ich etwas ausrichten!“

Der Hauptmann seufzte. Irgendwie konnte er sein Gegenüber gut verstehen. „Bleibt noch für neun Dunklungen“, sagte er entschlossen. „Dann startet hier ein kleiner Trupp Rekruten, die sich der Grünen Brigade anschließen wollen. Ihr könnt sie begleiten. Zwar seid ihr eigentlich etwas zu alt für die Wächter des Waldes, aber dank euren Fähigkeiten wird man dort schon eine Verwendung für euch finden.“

„Danke für das Angebot, aber ich will Render jagen und keine Kräuter sammeln.“

Ein leises Schnaufen war zu hören. „Kräuter sammeln schickt man dort nur die Feiglinge“, sagte Garda, die mit einem verstörten Jungen an der Hand gerade die Straße runterkam. „Ihr könnt gern schon vor den Rekruten aufbrechen, wenn es euch danach drängt. Ich werde euch für die Kommandantin einen Brief mitgeben. Sie wird euch schon nach eurem Geschmack einsetzen.“

Drok zögerte einige Momente, aber nickte dann einverstanden. „Ich werde sofort die nötigsten Sachen packen“, sagte er in ruhigem Tonfall, offenbar noch immer in Überlegungen vertieft. Dann stotterte er: „Meine Wertgegenstände… ich wüsste sie gern… im Besitzt der Familie des…“

„Ich werde mit ihnen reden und eure Gabe überbringen“, sagte die Alte verständnisvoll.

„Danke sehr“, entgegnete Drok erleichtert. „Und verfügt bitte frei über meine Hütte, ich brauche sie nicht mehr.“

Garda zeigte ein seltenes Lächeln. „Ich kenne eine Familie, die sie gut gebrauchen kann“, sagte sie und schaute zu dem kleinen Jungen runter. „Sie haben einen Sohn, der ungefähr in Mikos Alter ist.“

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