Noch 21 Dunklungen bis zur Windwende

Glücklich und zufrieden, endlich wieder für sich zu sein und den Trubel samt Kontrahenten mit dem Zuziehen der Türe hinter sich gelassen zu haben, lehnte er sich mit dem Rücken an jene und ließ den Blick durch sein Warenlager schweifen. Gleich einer Luftblase, die sich von den Tiefen des Elendars ihren Weg an die Oberfläche bahnt, nur um dort dann zu zerplatzen, pustete er erschöpft einen Schwall warme Luft aus seinen Backen.

„Diese Rivalität ist ja schlimmer als die zwischen den Blauen und den Gelben“, dachte er und schüttelte die Begegnung mit Tezzek ab wie eine Staubschicht, die einen nach einem Auftrag in den Nordlanden bedeckte. Er erinnerte sich noch gut an die Zeit, als er anfing. Bruck war schon immer das kulturelle und friedliche Zentrum Isdraias. Man half sich, spielte sich die Aufträge zu wie die Waisenkinder vom Kai ihre braunen Lederbällchen. Jeder hatte so seine Routen und wem etwas fehlte, konnte es vom Kollegen ausleihen. Heute indes kämpft jeder nur noch für sich und die Stimmung vergiftet sich Wende um Wende zusehends. Zu gierig sind alle geworden, zu wenig lukrative Reisen gibt es noch.

Beim Blick auf das Zaumzeug, das an einem großen Pfeiler aus dunklem Holz an einem Haken hing, erinnerte er sich gut daran, dass man damals auch das Futter der Tiere hin und wieder von den Bauern an den Flussufern spendiert bekam. Das alles liegt jedoch schon tausende Dunklungen in der Vergangenheit. Mittlerweile verhalten sich die Händler dieses Eilands, als ob alles in Flammen stünde und nur rücksichtsloses Drängeln, Schubsen und Rempeln ihnen den Weg zum letzten Rettungsboot bereite, um aus diesem Inferno zu entkommen.

Sein Blick glitt weiter zu dem Haufen Heu, der einsam und verlassen mitten im dafür vorgesehenen Gehege knapp über die Umzäunung ragte. Als freie Händler brachten sie Wohlstand, Fortschritt und Stabilität nach Isdraia und vor allem nach Bruck. Umso dankbarer waren ihnen vor allem die einfachen Leute. Egal ob Goblins, Fenn oder Menschen. Alle Bauern und Farmer aus dem Umland hegten größten Respekt vor den Mitgliedern der altehrwürdigen Händlergilde Brucks.  Wo immer er mit seinen Ochsen vorbei kam- so schwelgte er beim Anblick des Heus in Erinnerungen – gab es wenigstens für die Tiere einen leckeren Happen. Ebenso wie oftmals neue Stiefel oder Mäntel für ihn selbst. Früher war der Futterbereich in seinem Depot von alleine gefüllt worden und der riesige Haufen Heu, Stroh und Korn reichte bis hoch zur Decke. Nun ist es schon eine gefühlte Ewigkeit her, dass einer der Farmer ihm zumindest vergünstigt Futter für die Tiere angeboten hatte. Wann er das letzte Mal etwas geschenkt bekam, verblasste längst in seiner Erinnerung gleich den Farben seiner Weste.

„Wir wurden zu gierig. Der Wind hat sich in dieser Stadt so radikal gedreht, wie ein urplötzlich und ohne Vorwarnung auftretender Ostwind. Bruck ist gespaltener als ein Scheid Holz in eben dieser kalten Zeit“, resümierte er fast schon andächtig und schüttelte sich ein letztes Mal, ehe er das Material für seine Reise zusammensuchte.

Noch 16 Dunklungen bis zur Windwende

Den Schock noch tief in Knochen und Mark sitzend, regten sich langsam auch Rhan und Mamo wieder und wurden zusehends aktiver. So aktiv, wie diese behäbigen Kolosse eben sein konnten. Am Horizont vor Bardabas erhellten erste Strahlen erlösenden Lichts das sehnlichst erwartete, sandige Abbild einer trockenen Landschaft.

„Geschafft. Da sind wir, ihr zwei. Die sonnige Seite Nyvils empfängt uns wieder“, redete er den Ochsen und sich selbst zu.

Der Übergang aus der kühlen Dunkelheit in die grelle Hitze, auf welchen er gemächlich zusteuerte, sollte der nächste Schock werden. Auch wenn dieser bedeutend weniger tödlich war, brannte die unbedeckte Haut in der Sonne doch ungeheuerlich. Von jetzt auf gleich überkam einen kurz ein Gefühl, als würde man sich von innen selbst entflammen. Er kannte das gut genug, hatte er diese Schwelle doch schon dutzende Male überschritten. Doch für Unwissende war es eine enorme körperliche Belastung, die nicht wenige so hart traf, wie ein anstürmendes Bento. Immer wieder fand man Leichen übermütiger, vorrangig unerfahrener Händler und Reisender, die hier kollabiert waren und dann in der Hitze vor sich hinsiechten, bis Schandmäuler den Rest erledigten.

Ja, Nyvil war ein hartes Pflaster. Die Grenze vor ihm auf dem Boden, die das Dunkel sauber abschnitt wie einen Schneider eine Bahn Stoff, kam immer näher auf ihn zu, während er begann den Kragen aufzurichten, um seinen Nacken vor der unbarmherzigen Sonne zu schützen.

„So, wir haben es geschafft. Jetzt wird es wieder heiß, aber das macht euch beiden ja nicht so viel…“, faselte er mit ruhiger Stimme, doch bliebt plötzlich wie angewurzelt stehen. Den Blick hinüber zu den vielen kleinen Felsformationen gerichtet, kniff der Händler seine Augen fest zusammen, um besser die Quelle der lauten Stimmen zu erkennen, die im Kanon ein Lied schmetterten.

„Geboren, entrissen, eine Lüge gelebt.
Vom falschen Propheten erzogen.“

Erst schrie ein Mann laut den ersten Vers, danach sang ein weiterer, durchaus mit einer schönen Stimme gesegnet, den zweiten hinterher. Es war nicht auszumachen, von wo genau die Stimmen kamen, aber sie kamen immer näher, weswegen er in der vagen Hoffnung, die Unbekannten würden keine Kenntnis von ihm und seinem Wagen nehmen, ohne jede Regung stehen blieb.

„So kämpft er eine Schlacht,
auf Seite von Vorherrschaft und Macht.
Sein Schwert getränkt in Blut und Schmerz,
Unheilbringender Stahl, stillstehendes Herz.“

Nun wurde er etwas unruhig. Laut, inbrünstig und voller Überzeugung schmetterten diese Kerle – immer näher durch das Felslabyrinth kommend – ihre martialischen Strophen. Gar lauter noch, als es ein Morgathler Schmied aus der Immerhart an einem Fest vor tosender Menge tat. Auch den Bullen wurde bange und sie schnaubten hörbar auf, was die Nervosität Bardabas‘ nur noch mehr steigerte, ehe er durch das Erklingen der nächsten Strophen  sicher war, dass sie glücklicherweise nicht gehört worden waren.

„Doch Zweifel währen, ein kleiner Funke.
Lass Schwerter fallen, lass Gutes wallen.“

Da traten auf einmal zwei imposante und gefährlich wirkende Gestalten vor ihm hinter einem Ausläufer der Steinwand hervor und blickten grimmig drein. Der erste schnalzte – selbst aus der immer noch beachtlichen Distanz von gut zehn Ochsenkarren gut hörbar – mit der Zunge, als hätte sich ihm aus heiterem Himmel ein regelrechtes Festmahl offenbart. Der zweite griff, die Mundwinkel in die Höhe ziehend, an den hinter seinem Rücken aufragenden Griff eines, wie sich einen Augenblick später herausstellen sollte, imposanten Streithammers. Diese brachiale Waffe musste schwerer sein als ein ausgewachsener Goblin, doch hielt er sie einhändig und scheinbar ohne die geringste Mühe.

Der Singsang war verstummt, seit sich ihre Blicke trafen. Die beiden Männer waren braun gebrannt – mussten also Cupdorianer sein – und trugen jeweils nur einen zerfetzten, dünnen Umhang sowie einen bis zu den Knien reichenden Lendenschutz mit Waffengurt, an dem alles erdenklich Todbringende herunterhing wie die kleinen Glasscherben eines Windspiels. Sie liefen zielsicher auf ihn zu und Bardabas überlegt kurz, ob sich eine Flucht mit den langsamen Ochsen und dem schweren Karren auch nur im Ansatz lohnte, wo hinter ihm doch die Gankroks lauerten.

Die beiden Muskelberge durchstachen mit ihren eindringlichen Blicken fast seinen beleibten Körper, als der Händler plötzlich die Faust ballte, einen Schritt nach vorne trat, sodass die Sonne sein Haupt ins Licht hüllte, und seine Arme zu den Seiten streckte. Er atmete ganz tief ein und schmetterte den beiden so laut wie ihm möglich entgegen:

„So gibt er sich hin, den Frieden zu leben.
Mit Frau in Liebe, ein Leben zu geben.“

Sein Leben hing von diesem Versuch ab und er verlangte seiner tiefen Stimme und der Lunge alles ab, als er den Unbekannten diese Verse entgegenwarf, welche sie jedoch tatsächlich zum Anhalten bewegten. Irritiert schauten die kurz beiden einander an und blickten dann ohne etwas zu sagen wieder auf den Händler vor ihnen, der noch immer mit ausgebreiteten Armen da stand und weitersang:

„Doch im Propheten brodeln Zorn und Neid…“

Der eine lachte kurz, ehe beide mit gesenkten Waffen schnell auf ihn zuschritten und die nächsten Zeilen mit Bardabas im Chor in den Himmel des staubigen Nyvils schrien:

„Was Jarad bleibt, ist unsägliches Leid.
Um Hilfe ersucht, auf Knien erfleht,
doch ihr wisst, wie es nun weiter geht.“

Danach endete das inzwischen aus dem Einklang geratene Kanon und sie skandierten nun alle drei so laut es ihre Kehlen hergaben:

„Jarad, Jarad, Jarad, Jarad!“

Der bärtige Mann mit dem Streithammer warf seine Waffe zu Boden und umarmte Bardabas, der überrascht dreinblickte und dem eine Last von hundert Aschschuppentüchern förmlich von den Schultern fiel.

„Wir wussten ja nich, dass du gelber als ein Blauer bist“, sagte er und klopfte dem Brucker Händler so fest auf die Schulter, dass diesem gefühlt fast das Schulterblatt zersplitterte.

„Groll über die Gier. Nyvil sei mit euch. Ich komme aus Dourstedt von der Abtei und so wie ich das sehe, könnte ihr mir bestimmt helfen, meine Ladung in die Hammermark zu bringen, oder?“, fragte er nun mit all seinem Mut.

„Von der Abtei?“, fragte der zweite, der – wie Bardabas nun erkennen konnte – eine riesige Zweihandaxt auf dem Rücken prangern hatte.

Er nickte und umarmte auch diesen Mann solidarisch.

„Für die Rebellion!“, skandierten die zwei, die keinen Zweifel daran ließen, ihn zumindest passieren zu lassen, wenn sie nicht gar seine Eskorte seinen würden.

Sie drehten sich um und wiesen in das ins Licht gehauchte, karge Hinterland. Das gab dem Händler die dringend benötigte kurze Verschnaufpause, um die Backen aufzublasen und die angestaute Luft in die Hitze zu entlassen. „War das knapp…“, beruhigte er sich selbst und tätschelte instinktiv Mamo hinter ihm.

Teilen: