Steil. Hoch. Scharfkantig.

Der Abhang des Weltensteigs strotzte nur so mit seinem starken Gefälle.
Ein Spazierengehen käme einer tückischen Gradwanderung gleich, denn die einzelnen Felsen, die hier und dort herausragten, genügten nicht, um sich im Falle des Sturzes im schützenden Fang wiederzufinden.
Nur der Törichte würde mit dem Einfall hantieren, dort entlang zu laufen.
Den dunkelgrauen Abhang hinab, bestückt und verziert mit einer Überzahl an Kieseln, stahl sich dort nicht ein Hälmchen aus der festen Erde.

Nein, dort oben war dies nicht gegeben.
Zum Fuße der Gipfel jedoch schon.

Am unteren Kranz des Weltensteigs begann das fröhliche Erblühen.
Aus den hellen Sandkörnen sprossen die Weidengräser, während bereits schon dort die diversen Wurzeln ihren Platz beanspruchten.
Zwar standen die Rotborken und Nadelbäume noch mehr für sich, doch warfen sie bereits mit ihren großzügigen Baumkronen schattige Stellen auf den eigentlichen Gehweg.
Und während die triste Felswand so stark vereinnahmte, schmückte sich das untere Leben mit dunkelgrünen Sträuchern, an denen es ovale, weinrote Beeren zu ernten gab.
Den Pfad waagerecht passierend, vermischten sich die feinen Sandkörnchen in hellem Beige mit grauen Steinen, ohne viel Kontrast.

Weiter ging es bergab, aber war der Hang mehr passabel und minder holprig gewagt.
Die Kreise des gefällten Baumstumpfes formten sich zu unkoordinierten Linien, als hätte die Natur selbst ihre Kreativität dort verankert und ausgelebt.

So detailreich und doch frei von jeglichem Sinn.
Die weißen Blütenblätter mit abgerundeten Enden umgaben den kleinen Rastplatz im Dreiergespann und lebten neben den nussbraunen Pilzen mit gespaltenen Schirmen.
Das weiche Moos überzog die oberen Wurzelstränge und bahnte sich nach und nach den Weg gen oben, bis es wohl irgendwann auch den gekürzten Stamm verhüllte.

Und so ging es weiter.

Weiterhin rechtsbündig führte die Reise und schlängelte sich tiefer, doch federleicht in das Tal, in dessen weiter Ferne sich eine Ortschaft auftat.
Aber diese lag in schemenhafter Distanz, prangte eher mit Umrissen, als dass man sie mit dem bloßen Auge hätte skizzieren können.
An den Lendobäumen schwang hier und dort eine Liane in der angenehmen Brise.
Und die kleine Wolbyfamilie, bestehend aus zwei ausgewachsenen, sowie drei kleinen Exemplaren, tollte friedlich vor sich hin.
Natürlich nicht unter dem Schutz des Blätterdaches.
Nein, zwei der Jungtiere spielten vergnügt in der Sonne, kabbelten und rollten sich durch die Gräser und als das dritte Geschwisterchen sich just daran machen wollte, teilzunehmen, wurde es von der Mutter gepackt.
Noch einmal versuchte es sich loszureißen, doch scheiterte kläglich.
Festgehalten von den starken, weiblichen Läufen, kam es leider nicht umher, sich der säubernden Prozedur zu entziehen.
Am Kopfe begann sie, fuhr mit der kleinen, rosafarbenen Zunge über das weiche, flauschige Fell und sorgte somit dafür, dass es sich nass aufstellte.
Und während dem Kleinen nun unfreiwillig das Haar gestriegelt wurde, wackelte das große Männchen mehrfach mit dem Näschen und verfolgte aufgeweckt die dünne, violette Libelle, die an der Familie vorbeiflog.

Die feinen, transparenten Flügel rotierten schnell, verschafften dem Insekt ein Surren, während dieses noch etwas näher an die Stadt flog.
Vorbei an einigen, stämmigen Baumrinden, beäugte sie nur kurzweilig die Felder zur linken Seite, die so grün bewachsen und bereit für die baldige Ernte waren.
Ausgestattet mit Getreide und angepflanzten Obst, bildeten die Blätter doch einen äußerst geeigneten Landeplatz, um dort für einen Moment verschnaufen zu können.
Und so vollzog es die Libelle.
Zügig steuerte sie voran, passierte die dichten Gräser und kunterbunten Blumenkelche und ließ sich auf der gewachsenen Saat nieder.

Und so, wie sie rastete, so tat es auch der Rehbock in seinem schattigen Platz.
Dort unter dem Weidenkätzchen mit den weichen, pelzigen Knospen, die sich von jedweder sanften Böe hin und her tragen und schwingen ließen.
Und jeder einzelne Windzug, der ließ sich von der sanften Melodie der Lüfte ergänzen.
Noch vor einigen Wimpernschlägen, da hatte er sich an dem saftigen Klee gelabt, der in unmittelbarer Nähe wucherte und ein wahres Buffet für ihn verkörperte.
Die vielblütigen Kopfstände, gehalten in Weiß und Rosa, schmeckten jedoch nicht nur ihm besonders.
Auch der weiße Schmetterling mit dem dunkelbraunen Flügelkranz setzte dort immer und immer wieder zur Landung an, um sich an dem süßen Nektar zu nähren.
Allerdings, auch wenn das Reh pausierte, so behielt es sein Umfeld eingehend im Blick.

Die Sonne mit ihren hellen Strahlen erfüllte ihr Umfeld mit solch schöner Wärme, dass einen die wohlige Gänsehaut durchfuhr.
Sie erhellte alles.
Schlichtweg alles, was sich unter ihr auftat.
Sie erwärmte die graue Gesteinswand, jeden noch so winzigen Halm, jedes Blätterdach und auch jeden unbedeutenden Kiesel.
Sie tauchte alles in ihren Schein und unterstrich das Leben der Natur.

Und so auch die vielen, dunklen Schieferdächer, die die ferne Ortschaft zierten.

Es ertönte keinerlei lautes Treiben von dem unteren Ende des Tales.
Alles, was man hier oben vernahm, war das Zwitschern der Vögel, die über den Himmel zogen, das Windspiel per se und die vergnügten Töne des spielenden Wolbytrios.
Was man aber gut erkennen konnte, das waren die Häuser selbst, die dort unten inmitten der friedlichen Natur erbaut wurden.
Eng aneinandergereiht, getaucht in das helle Licht und umgeben von viel zu vielen Ziegeln.
Je mehr man an den Rand blickte, desto deutlicher hoben sich die Baracken hervor, während im Zentrum selbst das eigens geschaffene Leben vorherrschte.
Der kleine Weiher etwas abseits der Stadt, reflektierte mit glitzernder Oberfläche die Strahlen des leuchtenden Himmelskörper, als gerade eine Forelle aus dem kühlen Nass heraussprang, sich leicht in der Luft überschlug und mit einem sachten Platschen wieder zurück in ihren natürlichen Lebensraum eintauchte.
Und so sehr der Fisch auch seinen Spaß dabei fand, so enorm verjagte sich der große Feldhase, klopfte einmal mit seinem Hinterbein und sprintete sogleich im Zickzack von dannen, um hinter einer Aneinanderreihung von Sträuchern seinen notdürftigen Schutz zu finden.
Beinahe schon, wie ein Gürtel zog sich das Gewächs um die Ausläufer der letzten Baracken und verlieh damit diesem Übergang mit dem lebendigem Grün eine skurril, ansehnliche Note.

Und so anders, wie dieser Antlitz erschien, so hoben sich auch die aufsteigenden Schwaden aus schwarzem Rauch ab und passten im ersten Augenblick gar nicht in das Gesamtbild.
Aber auch, wenn sie augenscheinlich nicht hineingehörten, ergaben sie auf ihre ganz eigene Art und Weise ein Empfinden der Vereinigung zur Natur selbst.
Es erschien abstrakt und unerklärlich.
Und doch würde dem Allem etwas fehlen, würde der finstere Qualm eben nicht in die Lüfte steigen und sich somit an dem Spiel des Windes beteiligen.

Von diesem ließ er sich tragen. Von diesem ließ er sich lenken.

Der Acker, sowie auch das niedrige Gewässer wurden gekreuzt.
Schwungvoll umspielte der Rauch das taumelnde Weidenkätzchen, während sich der Hirsch sogleich aufsetzte und tief inhalierte, dabei die Ohrmuscheln nach links und rechts bewegend.
Durch die Gräser und Blüten wurde er geleitet, an den Lendobäumen vorbei, sodass auch er einmal die Liane anstupsen durfte und über die quietschfidele Wolbyfamilie hinweg flog.
Auch diese großen Nager richteten sich auf, horchten und witterten, aber der seichte Schwaden zog weiter.
Weiter bergauf. Weiter über das Feld.
Vorbei an dem Baumstumpf. Vorbei an den Pilzen und Blüten.
Vorbei an den beigen Körnern und Kieseln.

Und direkt hinein in die sensible, feuchte Nase.

Mit einem dunklen Grummeln im Rachen, stieß der Glimmerwolf hörbar die Luft aus den Lungen.
Das war nicht angenehm.
Dieser stechende Duft… Der hob sich so gänzlich von den hauchfeinen Gerüchen des Feldes ab.
Das war eklig.
Es brannte sogar leicht in seiner Nase und kroch ihm die Kehle hinab.

Nein, das mochte er nicht. Überhaupt nicht.

An den spitzen Steinchen unter seinen Pfoten störte er sich nicht.
Seine Ballen nahmen es kaum für voll und schmerzten keineswegs.
Das kannte er halt. Das war ihm nicht fremd.

Aber dieser seltsame Geruch… Den konnte er nicht zuordnen.
Zumal er irgendwie bedrohlich auf ihn einwirkte.
Wenn er so etwas vernahm, dann meldete sich unweigerlich das unangenehme Ziehen in seiner Bauchgegend.
Er wusste sich in Gefahr, obwohl er keine auffinden konnte.
Es war einfach nur diese Note.
Es war auch nicht nah. Es kam von weiter her.
Aber er wollte dort auch nicht hin.
Die Quelle würde er meiden. Die suchte er nicht auf.
Es weckte in ihm nichts Gutes.

Außerdem hatte er gerade ganz andere Dinge, die in ihm schrillten.

Nicht nur, dass dieser widerwärtige Gestank in Nase und Hals brannte, er bekam zudem auch Durst.
Er wollte Wasser. Und warm war ihm auch.
Und auch, wenn er erst vor einer Weile gefressen hatte… Auch sein Magen begann allmählich wieder damit, leicht zu schmerzen.
Noch nicht allzu stark. Das hielt er noch eine Weile aus.
Er kannte es ja. Sein Leben war diesbezüglich nicht gefährdet.
Aber die lange Wanderung unter der Sonne… Er benötigte sobald ein Gewässer.
Ihm wurde es von Mal zu Mal hitziger.
Deswegen hing ihm bereits hin und wieder die lange Zunge aus dem Schlund.
Er hechelte, gerade weil ihm warm war. Aber auch dies war noch akzeptabel.
Das kannte er. Das war schon immer so.
Und er wusste auch, was dagegen half.

Es war halt, wie es war.

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