Die Eimh entlang, da treibt mein Herz
Hinfort, weit über’s Ende
Legt an, legt ab den warmen Nerz
Kehr‘ ein, bring‘ uns die Wende.

 

Man hörte es kaum. Nein, eigentlich hörte man es gar nicht.
Nicht, wenn man sich nicht darauf bewusst fokussierte.
Nicht, wenn man dieses wohlbekannte Geräusch mit sich in den Ohren trug.
Und erst recht nicht dann, wenn man seine gesamte Aufmerksamkeit auf das rege Treiben lenkte, anstatt sich auf die schmalen Rinnsale der Stadt Kuer zu konzentrieren.

Nur ganz sachte plätscherte darin das Wasser der Eimh.
So sanft und lieblich, als würde es voller Frieden die Haut streicheln wollen, benetzte es die Finger, wenn man sie hineinhielt.
In tiefster Stille trieben die roten Blütenblätter verblichener Gebete über das Nass, schwammen mit dem seichten Strom der Zeit, um schlussendlich in die Anhörung zu münden.
Die Passagen Kuers waren erfüllt.
Erfüllt von dem Leben jedes Einzelnen, ganz gleich, ob jung oder alt.
Erfüllt von den lieblichen Gemütern, die allesamt freudig die Zenitdunklung ersehnten, um sie willkommen zu heißen.
Erfüllt von den dort lebenden Fenn, die sich zuvor mit einem reichlichen Maß an Vorbereitungen auf dieses magische Ereignis einstellten.
Die Straßen selbst waren geschmückt von kleinen Ständen, an denen man sich bedienen konnte, sollte einen das Hungergefühl einholen oder auch der Durst einen treiben.
Das lodernde Feuer der Fackeln erhellte die Wege mit seinem warmen Schein und wirkte schon beinahe so, als würde es bei jedwedem Windzug spielerisch tanzen.
Die Kupferschalen, welche – wie immer – die einzelnen Stränge der Eimh schmückten, waren allesamt entfacht worden und gaben den wohligen Duft von Eichenrinde und Salbei ab.
Und die einzelnen Papierlampen, gebastelt aus den grünen, großen Baumblättern der Waldgrenze, geflochten aus deren braunen, dünnen Zweigen und befestigt mit Garn an den Schildern der Läden, gaben einen flackernden, sanften Schein ab. Getauft hatte man sie Luminas, doch lag dies schon einige Wenden zurück.
Hinzu kamen die Brunnen und Büsche mit den roten Kelchen, welche dieses fabelhafte Antlitz nur noch unterstrichen und dem Gesamtbild einen typischen Flair verschafften.

Man hatte sich die größte Mühe gemacht. Man hatte die Pfade und Häuser geschmückt.
Und dies tat man gerne.
Denn zur heutigen Dunklung, da trat die nächste Windwende ein. Und man wollte sie freudig in Empfang nehmen.

Und sie hörte es.
Nicht nur mal nebenbei, sondern sie lauschte förmlich.
Das sanfte Plätschern des Wassers, das ihre Finger in jenem Moment umspielte, als sie ihren eigenen, purpurroten Blütenkopf der Eimh übergab.
Und mit dieser Darreichung wurde diese von der leichten Strömung erfasst und trat ihre Reise durch die Masse der Fenn an, die sich dort vorne entzückt sammelten und warteten.
Sie hatte es bewusst etwas abseits vollzogen.
Etwas weiter hinten stehend, mit geschlossenen Lidern und einem tiefen, ruhigen Atemzug, um der Gottheit ihren Wunsch mitzuteilen.
Sie erbat um die Obacht.
Die Obacht auf den Jüngling, welcher ein großes Talent dafür besaß, ihr mit seinen waghalsigen Aktionen so manches Mal den Kummer zu bescheren.
Wie oft hatte sie sich seinem Klagen schon angenommen?
Wie oft seine zerrissenen Kleider mahnend beäugt?
Wie oft seine Verletzungen von angesporntem Übermut gesäubert und verarztet?

Sie wusste es schon gar nicht mehr zu zählen.
Jedoch… Was sie wusste, das war Jenes, das sie irgendwann ereilte.
Und deswegen bat sie Fendiril, ihm Schutz zu schenken und ihm mit einem erfüllten Leben zu segnen, egal, wie lange dieses auch ausfallen mochte.

Mit einem seichten Lächeln erhob sich Garda, richtete sich wieder auf und verbannte jene Gedanken, die sie vor allen verschwieg.
Sie wusste genau, was sie alle irgendwann einst erwarten würde.
Sie wusste allerdings noch nicht, wann jener Zeitpunkt eintraf.
Und umso wichtiger war es, jeden einzelnen Moment auszukosten und zu leben.
Für die heutige Zeremonie stand das Vorgehen fest: Sie würde ihren Platz einnehmen, Khelderons Kraft entfalten und mit all den anderen, sorglosen Fenn glücklich die neue Wende empfangen.
Mit ihren Irden folgte sie der Blüte, begutachtete ihre stille Reise, die sie über die nasse Oberfläche trug.
Nein, für heute legte sie es ad acta.
In der heutigen Dunklung war kein Platz für etwaige Sorgen. Kein Spielraum für ernste Belange über welche man sich den Kopf zermartern sollte.
Dies konnte man immer noch vollziehen, wenn die Sonne wieder vollends das Land erhellte.
Allerdings, für die kommende Zeit hieß es, das Licht selbst zu sein, um jedweden Kummer zu verdrängen.

 

Oh Fendiril, erhöre uns
Lass Segen auf uns nieder
Zeig‘ Gnaden, schenk uns deine Gunst
Bring‘ ein die alten Lieder.

 

„Garda!“, riefen mehrere Stimmen zur selben Zeit, als einige Kinder des Volkes im Dreiergespann auf sie zueilten und kaum noch das anstehende Ereignis erwarten konnten: „Es ist bald soweit!“
„Genau! Mutter sagte gerade, die Zenitdunklung ist nicht mehr fern!“, gliederte sich sogleich der Brünette unter ihnen ein, während sich die Alte mittels ihres Stabes auf dem Boden abstützte und das ungestüme Verhalten des Trios schmunzelnd belächelte: „Solch aufgeweckte Kinder…“
„Richtig! Es geht bald los und du musst uns doch noch von der Tradition berichten!“, mischte auch ein etwas jüngerer Bengel mit pechschwarzen Haaren mit.
Sie erreichend, verharrten die Drei ungeduldig auf ihren Sohlen.
„Sag bloß, du kennst den alten Brauch nicht?“, fragte der Rotschopf im Bunde seinen jüngeren Kumpanen, woraufhin dieser ungeduldig auf seinen Füßen vor und zurück wippte, kopfschüttelnd erwidernd: „Nein, das ist das erste Wendfest, bei dem ich das Symbol an die Tür malen darf.“
„Davor warst du ja auch noch zu klein, Maro“, grinste das älteste Mitglied der Jungfenn spitzbübisch zu dem Anderen und verschränkte dabei mit stolzer Haltung die Arme vor der Brust: „Ich durfte das schon bei der letzten Wende machen. Das liegt daran, dass ich schon viel älter bin und das schon viel besser verstehe, als du.“
„Soviel älter bist du aber auch nicht, Naidan…“
„Huh? Natürlich! Ich bin schon groß!“
„Zwischen uns beiden liegt nur eine einzige Wende!“
„Trotzdem bin ich älter!“
„Das heißt aber noch lange nicht, dass du es besser verstehst!“
„Wie bitte?! Und wie ich das-“
„Gut, das reicht!“, schritt Leud ein, stellte sich bewusst zwischen die zwei Zankenden, als würde er den Ruhepol des Trios ausleben und wuselte sich mit den linken Fingern durch die roten Strähnen.
Förmlich für seine Freunde entschuldigend, blickte er zu der Alten, welche dieses sprunghafte Treiben lächelnd beäugte und sagte dann zu ihr: „Die Beiden freuen sich doch schon so und sind deswegen etwas aufgekratzt.“
„Ja, das bekomme ich schon mit“, nahm Garda es gelassen und legte Leud die linke Hand auf die Schulter: „Du bist ein guter Junge. Gib immer gut auf die Zwei Acht, hörst du?“
„Darauf kannst du dich verlassen!“, gab dieser breit grienend zurück und hielt demonstrativ die rechte, kleine Faust aufrecht, als der Älteste einwarf: „Pah, ich bin schon ein großer Fenn und kann ganz alleine auf mich aufpassen.“
Sofort zog die Weise ihre Hand zurück, trat einen Schritt auf die kleine Großklappe zu, handelte flink und kniff den Jüngling leicht in die Wange: „Sollst du denn immer so frech sein, Naidan?“
Grummelnd und unfreiwillig schüttelte dieser dezent sein Haupt, doch wagte er es nicht, sich von ihr loszureißen und ließ die Prozedur über sich ergehen: „Nein, Garda…“
„Dann höre jetzt auf mit dem kleinen Maro zu stänkern.“
„Garda, das tut echt weh!“, murrte er, da sie die zarte Haut ordentlich spannte, doch gerade in jenem Moment, in dem sie ihm weitere Silben zukommen lassen wollte, meldete sich wieder das jüngste Mitglied im Bunde: „Ich bin nicht klein! Immerhin bin ich schon zweieinhalb Wenden alt!“
Die zarte Haut wurde aus ihren Fingern entlassen, als die Alte zu ihm schaute, tief die Luft einsog und schließlich seufzte: „Euch Drei bekommt man auch nicht mehr gebändigt, oder?“
Keinerlei Mucks antwortend, verweilten sie vor ihr und begannen damit, breit und frech zu grinsen, weswegen sie den Kopf dezent in der Schräge bettete und lediglich nur mit diesem über die Sprösslinge schütteln konnte.
„Mach dir keine Gedanken, Garda, ich habe die Zwei schon im Griff“, legte Leud jeweils einen Arm um die Schultern der Anderen und zog sie somit etwas näher zu sich: „Die sind gut bei mir aufgehoben.“
„Was?! Du meinst wohl eher-“, wollte Naidan sogleich wieder intervenieren, doch kam ihm die Weise zuvor und schlug mit einem leichten Stoß mittels Khelderon auf den Boden: „Das genügt! Der Faltertanz steht unmittelbar bevor und es bedarf noch ein wenig Vorbereitungen. Wenn wir jetzt nicht beginnen, dann schaffen wir es nicht rechtzeitig und die Gnadenszeichnung für die kommende Wende fällt in die Eimh. Wollt ihr das?“
Natürlich nicht!“, kam es unverzüglich und im Chor zurück.
Mittels eines Nickens deutete die in die Wenden gekommene Frau ihnen den Weg zu einem kleinen Baumstamm, woraufhin sich Leud und Naidan an ihre Rechte und der junge Maro an ihre linke Seite gesellten, um sie zu den anderen Jungfenn zu begleiten, welche sich schon angeregt plaudernd davor versammelt hatten.

 

So sprecht Gebet, lasst Wunsch erklingen
Und dankt aus voller Brust
Mag Fendiril die Wende bringen
Steigt ein des Tanzes Lust.

 

Auf dem Boden sitzend und die Ergraute mit großen, glänzenden Augen anstarrend, lauschten die Sprösslinge schweigsam ihren Worten des Brauches, was von den umstehenden Erwachsenen in ebenso tiefer Stille zufrieden bezeugt wurde.
In dem vorherigen, tummelnden Treiben mochte es irritierend wirken, dass sich nun allesamt um die alte Garda reihten und keinen einzigen Ton von sich gaben.
Jedoch, zu der alten Tradition zählte es ebenso, ihrer Geschichte zuzuhören.
Das Einzige, das gerade die Torstadt Kuer erfüllte, waren ihre Silben längst vergilbter Zeit und das Plätschern der Eimh, das im Hintergrund rauschte, als würde das Gewässer ein unterschwelliges Lied spielen.
Und so berichtete sie der Meute, erzählte ihnen davon, wie man schon seit Ewigkeiten das Schauspiel vollzog, welches vor magischem Antlitz nur so strotzte.
Mittels Khelderon wurden die Lichtfalter gerufen, versammelten sich am oberen, dunklen Firmament und anhand einer weiteren Äußerung ihrerseits, so sollten sie sich verteilen und die Passagen Kuers erleuchten lassen.
Dies titulierte sie als den sogenannten Faltertanz.
Aber zuvor, da würde der Pollenschauer eintreten.
Dieser wäre notwendig, um mit dessen Lockduft die Falter überhaupt erst herbeizurufen.
Und sobald sie sich verstreuten, würden sich die Gehwege und sogar die Eimh in ein helles Grün tauchen.
In dieser kurzweiligen Spanne wäre es dann an den Jungfenn, die Gnadenszeichnungen an die einzelnen Türen zu malen.
Diese wiederum fungierte dazu, den Einwohnern Schutz und Segen für die neue Wende zu schenken.

„Aber was passiert, wenn die Lichtfalter nicht zu uns kommen?“, meldete sich der kleine Maro zu Wort, welcher zum allerersten Mal bewusst in seinem Dasein dieses Szenario bestaunen dürfte und blickte die Weise auch dementsprechend fragend an.
Auf dem umgestoßenen Stamm zupfte Garda ihre Kleidung zurecht, bettete ihre rechte Hand auf das Moos, das das Holz verzierte und sagte: „Erscheinen die Lichtfalter nicht, so verweigert uns Fendiril selbst ihre Gunst und die nächste Wende wird hart.“
So zumindest lautete der Aberglaube…
„Und wieso sollte die Göttin das tun?“
„Wieso sollte sie es nicht?“, stellte die Weise knapp die Gegenfrage, besah sich den Schwarzkopf, welcher daraufhin grübelnd seinen Zeigefinger an das Kinn hielt und die Seelenspiegel gen Boden senkte: „Hm, ich weiß nicht…“
„Fendiril ist eine friedvolle Gottheit. Sie trachtet nicht nach Leid. Tief verwurzelt mit der Erde unter deinen Füßen, verborgen in jeglichem Blütenkelch, der die Eimh schmückt und innehabend der klaren, frischen Luft, die deine Lungen füllt… Das Alles ist Fendiril.“
„Eh?“, horchte der Sprössling auf und blinzelte etwas perplex in ihre Richtung.

So richtig verstand er es noch nicht.
Natürlich, seine Eltern selbst erzählten ihm häufiger von der Göttin, aber in seinen jungen Wenden war dies alles noch zu komplex und so gestaltete es sich schwierig, sich auf solche Phrasen einen logischen Reim machen zu können.
Er war auch nicht dumm. Das keineswegs.
Er wandelte schlichtweg noch nicht solange durch diese Welt, um dies nachzuvollziehen.
Allerdings… Er würde es noch kapieren.
Daran besaß sie keinerlei Zweifel, denn es verhielt sich doch wahrlich simpel.

„Die Gottheit Fendiril ist das Sinnbild der Natur, Maro“, begann die Ergraute mit ihrer Erklärung, um ihn auf den korrekten Weg zu leiten: „Vereine dich mit dieser Natur. Schätze sie, sodass du sie ehrest. Nimm dankend an, was sie dir schenkt, doch gib auch etwas zurück. Zerstöre nicht, sondern erbaue schlau. Sei nicht gierig, sondern wissend und bescheiden, sodass der Einklang weiterhin bestehen kann.“
Kurz unterbrach sie sich selbst, atmete tief ein und gestikulierte leicht mit der linken Hand: „Huldige der Natur, die dich umgibt und du huldigst auch Fendiril. Und huldigst du ihr, so verstimmst du sie nicht.“
„Ah, ich glaube, das verstehe ich“, entgegnete ihr Maro und kratzte sich dabei schmunzelnd an der Wange, während sich seine Mundwinkel etwas nach oben zogen: „Nehmen wir mal an, ich nehme mir eine Penja und esse diese… Wenn ich den Kern dann wieder in den Boden pflanze und ihn regelmäßig wässere, dann kann daraus ein neuer, großer Penjabaum wachsen.“
„Ja, so könntest du dies beschreiben. Damit nimmst du der Natur nur ein kleines Stück, doch gibst ihr im Gegenzug etwas Großes zurück“, nickte ihm Garda leicht zu und hing sogleich an: „Und nun betrachte bei deinem Beispiel den Vergleich, Maro. Du nimmst dir nur eine einzige Penja. Du übergibst den Kern der Natur. Du hegst und pflegst ihn. Und in einigen Wenden, da entsteht aus diesem Kern ein Baum, der mit vielen Früchten erblüht. Du gibst damit mehr, als du nimmst. Und dies ist unsere Bescheidenheit.“

 

Wir woll’n vollenden uns’ren Brauch
Den Umbruch lasst empfangen froh
treibt Wunsch hinab, keimt Hoffnung auf
Mit Falters Feuer lichterloh.

 

Wandel – Teil 2

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