Die Eimh entlang, da treibt mein Herz
Hinfort, weit über’s Ende
Legt an, legt ab den warmen Nerz
Kehr’ ein, bring’ uns die Wende.

Inhalt

Teil 1

Man hörte es kaum. Nein, eigentlich hörte man es gar nicht.
Nicht, wenn man sich nicht darauf bewusst fokussierte.
Nicht, wenn man dieses wohlbekannte Geräusch mit sich in den Ohren trug.
Und erst recht nicht dann, wenn man seine gesamte Aufmerksamkeit auf das rege Treiben lenkte, anstatt sich auf die schmalen Rinnsale der Stadt Kuer zu konzentrieren.

Nur ganz sachte plätscherte darin das Wasser der Eimh.
So sanft und lieblich, als würde es voller Frieden die Haut streicheln wollen, benetzte es die Finger, wenn man sie hineinhielt.
In tiefster Stille trieben die roten Blütenblätter verblichener Gebete über das Nass, schwammen mit dem seichten Strom der Zeit, um schlussendlich in die Anhörung zu münden.
Die Passagen Kuers waren erfüllt.
Erfüllt von dem Leben jedes Einzelnen, ganz gleich, ob jung oder alt.
Erfüllt von den lieblichen Gemütern, die allesamt freudig die Zenitdunklung ersehnten, um sie willkommen zu heißen.
Erfüllt von den dort lebenden Fenn, die sich zuvor mit einem reichlichen Maß an Vorbereitungen auf dieses magische Ereignis einstellten.
Die Straßen selbst waren geschmückt von kleinen Ständen, an denen man sich bedienen konnte, sollte einen das Hungergefühl einholen oder auch der Durst einen treiben.
Das lodernde Feuer der Fackeln erhellte die Wege mit seinem warmen Schein und wirkte schon beinahe so, als würde es bei jedwedem Windzug spielerisch tanzen.
Die Kupferschalen, welche – wie immer – die einzelnen Stränge der Eimh schmückten, waren allesamt entfacht worden und gaben den wohligen Duft von Eichenrinde und Salbei ab.
Und die einzelnen Papierlampen, gebastelt aus den grünen, großen Baumblättern der Waldgrenze, geflochten aus deren braunen, dünnen Zweigen und befestigt mit Garn an den Schildern der Läden, gaben einen flackernden, sanften Schein ab. Getauft hatte man sie Luminas, doch lag dies schon einige Wenden zurück.
Hinzu kamen die Brunnen und Büsche mit den roten Kelchen, welche dieses fabelhafte Antlitz nur noch unterstrichen und dem Gesamtbild einen typischen Flair verschafften.

Man hatte sich die größte Mühe gemacht. Man hatte die Pfade und Häuser geschmückt.
Und dies tat man gerne.
Denn zur heutigen Dunklung, da trat die nächste Windwende ein. Und man wollte sie freudig in Empfang nehmen.

Und sie hörte es.
Nicht nur mal nebenbei, sondern sie lauschte förmlich.
Das sanfte Plätschern des Wassers, das ihre Finger in jenem Moment umspielte, als sie ihren eigenen, purpurroten Blütenkopf der Eimh übergab.
Und mit dieser Darreichung wurde diese von der leichten Strömung erfasst und trat ihre Reise durch die Masse der Fenn an, die sich dort vorne entzückt sammelten und warteten.
Sie hatte es bewusst etwas abseits vollzogen.
Etwas weiter hinten stehend, mit geschlossenen Lidern und einem tiefen, ruhigen Atemzug, um der Gottheit ihren Wunsch mitzuteilen.
Sie erbat um die Obacht.
Die Obacht auf den Jüngling, welcher ein großes Talent dafür besaß, ihr mit seinen waghalsigen Aktionen so manches Mal den Kummer zu bescheren.
Wie oft hatte sie sich seinem Klagen schon angenommen?
Wie oft seine zerrissenen Kleider mahnend beäugt?
Wie oft seine Verletzungen von angesporntem Übermut gesäubert und verarztet?

Sie wusste es schon gar nicht mehr zu zählen.
Jedoch… Was sie wusste, das war Jenes, das sie irgendwann ereilte.
Und deswegen bat sie Fendiril, ihm Schutz zu schenken und ihm mit einem erfüllten Leben zu segnen, egal, wie lange dieses auch ausfallen mochte.

Mit einem seichten Lächeln erhob sich Garda, richtete sich wieder auf und verbannte jene Gedanken, die sie vor allen verschwieg.
Sie wusste genau, was sie alle irgendwann einst erwarten würde.
Sie wusste allerdings noch nicht, wann jener Zeitpunkt eintraf.
Und umso wichtiger war es, jeden einzelnen Moment auszukosten und zu leben.
Für die heutige Zeremonie stand das Vorgehen fest: Sie würde ihren Platz einnehmen, Khelderons Kraft entfalten und mit all den anderen, sorglosen Fenn glücklich die neue Wende empfangen.
Mit ihren Irden folgte sie der Blüte, begutachtete ihre stille Reise, die sie über die nasse Oberfläche trug.
Nein, für heute legte sie es ad acta.
In der heutigen Dunklung war kein Platz für etwaige Sorgen. Kein Spielraum für ernste Belange über welche man sich den Kopf zermartern sollte.
Dies konnte man immer noch vollziehen, wenn die Sonne wieder vollends das Land erhellte.
Allerdings, für die kommende Zeit hieß es, das Licht selbst zu sein, um jedweden Kummer zu verdrängen.

Oh Fendiril, erhöre uns
Lass Segen auf uns nieder
Zeig’ Gnaden, schenk uns deine Gunst
Bring’ ein die alten Lieder.

„Garda!“, riefen mehrere Stimmen zur selben Zeit, als einige Kinder des Volkes im Dreiergespann auf sie zueilten und kaum noch das anstehende Ereignis erwarten konnten: „Es ist bald soweit!“
„Genau! Mutter sagte gerade, die Zenitdunklung ist nicht mehr fern!“, gliederte sich sogleich der Brünette unter ihnen ein, während sich die Alte mittels ihres Stabes auf dem Boden abstützte und das ungestüme Verhalten des Trios schmunzelnd belächelte: „Solch aufgeweckte Kinder…“
„Richtig! Es geht bald los und du musst uns doch noch von der Tradition berichten!“, mischte auch ein etwas jüngerer Bengel mit pechschwarzen Haaren mit.
Sie erreichend, verharrten die Drei ungeduldig auf ihren Sohlen.
„Sag bloß, du kennst den alten Brauch nicht?“, fragte der Rotschopf im Bunde seinen jüngeren Kumpanen, woraufhin dieser ungeduldig auf seinen Füßen vor und zurück wippte, kopfschüttelnd erwidernd: „Nein, das ist das erste Wendfest, bei dem ich das Symbol an die Tür malen darf.“
„Davor warst du ja auch noch zu klein, Maro“, grinste das älteste Mitglied der Jungfenn spitzbübisch zu dem Anderen und verschränkte dabei mit stolzer Haltung die Arme vor der Brust: „Ich durfte das schon bei der letzten Wende machen. Das liegt daran, dass ich schon viel älter bin und das schon viel besser verstehe, als du.“
„Soviel älter bist du aber auch nicht, Naidan…“
„Huh? Natürlich! Ich bin schon groß!“
„Zwischen uns beiden liegt nur eine einzige Wende!“
„Trotzdem bin ich älter!“
„Das heißt aber noch lange nicht, dass du es besser verstehst!“
„Wie bitte?! Und wie ich das-“
„Gut, das reicht!“, schritt Leud ein, stellte sich bewusst zwischen die zwei Zankenden, als würde er den Ruhepol des Trios ausleben und wuselte sich mit den linken Fingern durch die roten Strähnen.
Förmlich für seine Freunde entschuldigend, blickte er zu der Alten, welche dieses sprunghafte Treiben lächelnd beäugte und sagte dann zu ihr: „Die Beiden freuen sich doch schon so und sind deswegen etwas aufgekratzt.“
„Ja, das bekomme ich schon mit“, nahm Garda es gelassen und legte Leud die linke Hand auf die Schulter: „Du bist ein guter Junge. Gib immer gut auf die Zwei Acht, hörst du?“
„Darauf kannst du dich verlassen!“, gab dieser breit grienend zurück und hielt demonstrativ die rechte, kleine Faust aufrecht, als der Älteste einwarf: „Pah, ich bin schon ein großer Fenn und kann ganz alleine auf mich aufpassen.“
Sofort zog die Weise ihre Hand zurück, trat einen Schritt auf die kleine Großklappe zu, handelte flink und kniff den Jüngling leicht in die Wange: „Sollst du denn immer so frech sein, Naidan?“
Grummelnd und unfreiwillig schüttelte dieser dezent sein Haupt, doch wagte er es nicht, sich von ihr loszureißen und ließ die Prozedur über sich ergehen: „Nein, Garda…“
„Dann höre jetzt auf mit dem kleinen Maro zu stänkern.“
„Garda, das tut echt weh!“, murrte er, da sie die zarte Haut ordentlich spannte, doch gerade in jenem Moment, in dem sie ihm weitere Silben zukommen lassen wollte, meldete sich wieder das jüngste Mitglied im Bunde: „Ich bin nicht klein! Immerhin bin ich schon zweieinhalb Wenden alt!“
Die zarte Haut wurde aus ihren Fingern entlassen, als die Alte zu ihm schaute, tief die Luft einsog und schließlich seufzte: „Euch Drei bekommt man auch nicht mehr gebändigt, oder?“
Keinerlei Mucks antwortend, verweilten sie vor ihr und begannen damit, breit und frech zu grinsen, weswegen sie den Kopf dezent in der Schräge bettete und lediglich nur mit diesem über die Sprösslinge schütteln konnte.
„Mach dir keine Gedanken, Garda, ich habe die Zwei schon im Griff“, legte Leud jeweils einen Arm um die Schultern der Anderen und zog sie somit etwas näher zu sich: „Die sind gut bei mir aufgehoben.“
„Was?! Du meinst wohl eher-“, wollte Naidan sogleich wieder intervenieren, doch kam ihm die Weise zuvor und schlug mit einem leichten Stoß mittels Khelderon auf den Boden: „Das genügt! Der Faltertanz steht unmittelbar bevor und es bedarf noch ein wenig Vorbereitungen. Wenn wir jetzt nicht beginnen, dann schaffen wir es nicht rechtzeitig und die Gnadenszeichnung für die kommende Wende fällt in die Eimh. Wollt ihr das?“
Natürlich nicht!“, kam es unverzüglich und im Chor zurück.
Mittels eines Nickens deutete die in die Wenden gekommene Frau ihnen den Weg zu einem kleinen Baumstamm, woraufhin sich Leud und Naidan an ihre Rechte und der junge Maro an ihre linke Seite gesellten, um sie zu den anderen Jungfenn zu begleiten, welche sich schon angeregt plaudernd davor versammelt hatten.

So sprecht Gebet, lasst Wunsch erklingen
Und dankt aus voller Brust
Mag Fendiril die Wende bringen
Steigt ein des Tanzes Lust.

Auf dem Boden sitzend und die Ergraute mit großen, glänzenden Augen anstarrend, lauschten die Sprösslinge schweigsam ihren Worten des Brauches, was von den umstehenden Erwachsenen in ebenso tiefer Stille zufrieden bezeugt wurde.
In dem vorherigen, tummelnden Treiben mochte es irritierend wirken, dass sich nun allesamt um die alte Garda reihten und keinen einzigen Ton von sich gaben.
Jedoch, zu der alten Tradition zählte es ebenso, ihrer Geschichte zuzuhören.
Das Einzige, das gerade die Torstadt Kuer erfüllte, waren ihre Silben längst vergilbter Zeit und das Plätschern der Eimh, das im Hintergrund rauschte, als würde das Gewässer ein unterschwelliges Lied spielen.
Und so berichtete sie der Meute, erzählte ihnen davon, wie man schon seit Ewigkeiten das Schauspiel vollzog, welches vor magischem Antlitz nur so strotzte.
Mittels Khelderon wurden die Lichtfalter gerufen, versammelten sich am oberen, dunklen Firmament und anhand einer weiteren Äußerung ihrerseits, so sollten sie sich verteilen und die Passagen Kuers erleuchten lassen.
Dies titulierte sie als den sogenannten Faltertanz.
Aber zuvor, da würde der Pollenschauer eintreten.
Dieser wäre notwendig, um mit dessen Lockduft die Falter überhaupt erst herbeizurufen.
Und sobald sie sich verstreuten, würden sich die Gehwege und sogar die Eimh in ein helles Grün tauchen.
In dieser kurzweiligen Spanne wäre es dann an den Jungfenn, die Gnadenszeichnungen an die einzelnen Türen zu malen.
Diese wiederum fungierte dazu, den Einwohnern Schutz und Segen für die neue Wende zu schenken.

„Aber was passiert, wenn die Lichtfalter nicht zu uns kommen?“, meldete sich der kleine Maro zu Wort, welcher zum allerersten Mal bewusst in seinem Dasein dieses Szenario bestaunen dürfte und blickte die Weise auch dementsprechend fragend an.
Auf dem umgestoßenen Stamm zupfte Garda ihre Kleidung zurecht, bettete ihre rechte Hand auf das Moos, das das Holz verzierte und sagte: „Erscheinen die Lichtfalter nicht, so verweigert uns Fendiril selbst ihre Gunst und die nächste Wende wird hart.“
So zumindest lautete der Aberglaube…
„Und wieso sollte die Göttin das tun?“
„Wieso sollte sie es nicht?“, stellte die Weise knapp die Gegenfrage, besah sich den Schwarzkopf, welcher daraufhin grübelnd seinen Zeigefinger an das Kinn hielt und die Seelenspiegel gen Boden senkte: „Hm, ich weiß nicht…“
„Fendiril ist eine friedvolle Gottheit. Sie trachtet nicht nach Leid. Tief verwurzelt mit der Erde unter deinen Füßen, verborgen in jeglichem Blütenkelch, der die Eimh schmückt und innehabend der klaren, frischen Luft, die deine Lungen füllt… Das Alles ist Fendiril.“
„Eh?“, horchte der Sprössling auf und blinzelte etwas perplex in ihre Richtung.

So richtig verstand er es noch nicht.
Natürlich, seine Eltern selbst erzählten ihm häufiger von der Göttin, aber in seinen jungen Wenden war dies alles noch zu komplex und so gestaltete es sich schwierig, sich auf solche Phrasen einen logischen Reim machen zu können.
Er war auch nicht dumm. Das keineswegs.
Er wandelte schlichtweg noch nicht solange durch diese Welt, um dies nachzuvollziehen.
Allerdings… Er würde es noch kapieren.
Daran besaß sie keinerlei Zweifel, denn es verhielt sich doch wahrlich simpel.

„Die Gottheit Fendiril ist das Sinnbild der Natur, Maro“, begann die Ergraute mit ihrer Erklärung, um ihn auf den korrekten Weg zu leiten: „Vereine dich mit dieser Natur. Schätze sie, sodass du sie ehrest. Nimm dankend an, was sie dir schenkt, doch gib auch etwas zurück. Zerstöre nicht, sondern erbaue schlau. Sei nicht gierig, sondern wissend und bescheiden, sodass der Einklang weiterhin bestehen kann.“
Kurz unterbrach sie sich selbst, atmete tief ein und gestikulierte leicht mit der linken Hand: „Huldige der Natur, die dich umgibt und du huldigst auch Fendiril. Und huldigst du ihr, so verstimmst du sie nicht.“
„Ah, ich glaube, das verstehe ich“, entgegnete ihr Maro und kratzte sich dabei schmunzelnd an der Wange, während sich seine Mundwinkel etwas nach oben zogen: „Nehmen wir mal an, ich nehme mir eine Penja und esse diese… Wenn ich den Kern dann wieder in den Boden pflanze und ihn regelmäßig wässere, dann kann daraus ein neuer, großer Penjabaum wachsen.“
„Ja, so könntest du dies beschreiben. Damit nimmst du der Natur nur ein kleines Stück, doch gibst ihr im Gegenzug etwas Großes zurück“, nickte ihm Garda leicht zu und hing sogleich an: „Und nun betrachte bei deinem Beispiel den Vergleich, Maro. Du nimmst dir nur eine einzige Penja. Du übergibst den Kern der Natur. Du hegst und pflegst ihn. Und in einigen Wenden, da entsteht aus diesem Kern ein Baum, der mit vielen Früchten erblüht. Du gibst damit mehr, als du nimmst. Und dies ist unsere Bescheidenheit.“

Wir woll’n vollenden uns’ren Brauch
Den Umbruch lasst empfangen froh
treibt Wunsch hinab, keimt Hoffnung auf
Mit Falters Feuer lichterloh.


Teil 2

Der Himmel war dunkel. Er war klar und rein, wie das fließende Wasser der Eimh.
In ihrem Gewand aus Beige, Braun und Weinrot schritt die Alte voran, dabei Khelderon fest in der rechten Hand haltend.
Hinter ihr reihten sich die Fenn nebeneinander. Die Jüngsten ganz nach vorne und der Größe nach geordnet, tummelten sich die Erwachsenen dahinter.
Die kleine Anhöhe lag nicht weit von der Waldgrenze entfernt und ihr fehlten nicht mal mehr sechs Schritte, um diese zu erreichen und den Brauch zu beginnen.

Eins

Wie oft hatte sie dieses Ritual vollzogen? Wie häufig schon von dem Glauben erzählt und dabei in solch unzählige, faszinierte Kinderaugen sehen dürfen?
Wie oft dieses wundersame Spektakel beobachtet und sich doch jedes Mal erneut an dem Schauspiel der Magie erfreut?
Wie oft erzählte sie nicht nur den Kindern ihres Dorfes, sondern auch dem Jüngling und dessen Bruder davon?

Zwei

Wie häufig würde man es ihr noch gestatten, solch ein unbeschreiblich schönes Farbenspiel der Natur zu erspähen?
Wie häufig würden es ihr die Fenn noch erlauben, den Umbruch mittels Magie zu empfangen?
Wie häufig dürfte sie den alten Brauch noch ausüben und damit nicht nur die anwesenden Fenn beglücken, sondern jedwede Wende mittels Khelderon segnen?
Wie häufig würde sie noch diesen Weg zur kleinen Anhöhe schreiten, bis das Licht verklingen mag?

Drei

Sie wusste es nicht.
Auf so viele Fragen besaß sie die Antworten. Hierbei war dies nicht der Fall.
Ihre Weisheiten und all die getragenen Geschichten über diese Welt… In all Jenen ließ sich keinerlei Hinweis darauf finden.
Viele Dinge waren ihr klar. Viele Punkte grenzten an unweigerliche Fakten.
Und dennoch… Sie wusste es nicht.
Sie war nicht der Gebieter der Zeit.

Vier

So manches Mal, da betitelte man sie als altes, mürrisches Weib.
Einige sahen sie als launisch. Wiederum die Nächsten als eine Greisin, die irgendwelche Fabeln vor sich hin brabbelte. Und die Anderen, die dachten, sie wäre die Strenge in Persona, die keinem Einzigen den Spaß vergönnte.
Zu strikt. Zu ernst. Zu eigenwillig und stur.

Fünf

Doch dem war gar nicht so.
Und während der Großteil überzeugt von der persönlichen Meinung über sie war, so irrten sie allesamt. Denn nur Jene, die all ihre Facetten erblicken durften, waren imstande dazu, zum einzigen, wahren Resultat zu gelangen.
Sie war nicht zu strikt. Sie wusste nur mehr, als die Meisten und trug somit ein riesiges Maß an Sorge in sich.
Sie war nicht zu ernst. Sie wollte nur das Beste für Jene, die ihr am Herzen lagen, auf dass diese aus jeder Wende das Schönste schöpfen konnten.
Und sie war keinesfalls zu eigenwillig und stur.
Wie gesagt, sie wusste weit mehr, als die Meisten.
Sie hatte schon so viele Wenden miterlebt. Sie hatte schon so viele Charakteristiken dieser Welt erspähen und miterleben dürfen.
Die Guten sowie auch die Bösen.
Und Jemand, der von all diesen Erfahrungen geprägt wurde, der sah das Ganze in einem vollkommen anderen Licht und agierte aufgrund dessen auch anders, als die Unwissenden.

Sechs

Doch sie lebte damit. Und mittlerweile sogar sehr gut.
Während sie sich anfänglich noch daran störte, was man über sie behauptete, so konnte sie es just gelassen nehmen und sich damit arrangieren.
Und anstelle dessen sich immerwährend daran hochzuschaukeln oder andere von einer gegenteiligen Meinung zu überzeugen, tolerierte sie es und hatte ihren Frieden damit geschlossen.
Die Zeit war zu kurz, als dass man etwaigen Ärgernissen den Freiraum gewähren sollte.

Die kleine Spitze des Hügels erreichend, schloss Garda die Lider, sog einmal in der Stille die Luft in ihre Lungen, die so erfüllt von den Gräsern und Wäldern der Natur war.
Die Finger schlossen sich fester um das wertvolle Relikt, während sie der feinen Brise lauschte, die die dunkelgrünen Baumkronen umspielte und durchstrich.
Es war so ruhig. Es war so friedlich.
Diesen Moment kostete sie aus, hob Khelderon an und hielt ihn senkrecht und mit ausgestrecktem Arm vor sich.
Gespannt vergrößerten sich die Irden ihrer schweigsamen Zuschauer, verfolgten eifrig jedwede Bewegung der Alten, um auch bloß nichts zu verpassen, außer einer Handvoll in Kutten gekleidet, welche sich von der Menge abwandten.
„Fängt es-“, wollte der kleine, unwissende Maro die Ruhe durchschneiden, doch erhielt er einen leichten Knuff gegen den rechten Oberarm, der ihn zur Unterbrechung zwang.
„Huh?“, schaute er unverzüglich zu Naidan, woraufhin dieser seine Oberarme verschränkte und flüsterte: „Es geht los.“

Ihre Konzentration sammelte sich. Die umstehenden Beobachter… Das Plätschern der Eimh… Die sanfte Brise des Windes… Das Alles grenzte Garda kurzweilig aus, denn ihre alleinige Aufmerksamkeit galt jetzt dem Stab, dem soviel mehr Macht innewohnte, als man es mit bloßen Augen erkennen konnte.
Seine magische Kraft durchfuhr sie, wurde absorbiert von ihrer Haut und glitt durch ihren gesamten Leib, als würde man einen Krug bis zum Rand mit Penjalikör füllen.
MehrNoch ein wenig mehr
Sie stellte es sich vor. Sie malte sich aus, wie sein grünes Licht ihr ganzes Sein erhellte und ihr von der rechten Hand aus den Oberarm entlang kroch, sich über ihre Brust schlängelte und von da aus weiterwanderte, bis sie sogar in den Zehenspitzen davon erleuchtet wurde.
Noch ein bisschenNur noch ein bisschen
Ihre Konzentration erreichte den höchsten Stand, während sie ihren immer lauter werdenden Herzschlag in den Ohren vernahm.
Und so, wie sie dem Pochen lauschte, so hörten die übrigen Fenn das Pulsieren.
Ein Pulsieren, welches den grasbedeckten Boden durchstrich.
Maros Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter. Naidans Pupillen vergrößerten sich voller Faszination. Und Leud rieb sich freudig die Finger aneinander, als er diese dicht vor seine Mimik hielt.
Nicht mehr weitNicht mehr lange
Die Weise kontrollierte das grüne Licht in ihrem Innersten, sammelte es und ließ es gebündelt zurück in den Stab fließen. Nach und nach. Faser für Faser.
Fast schon so, als würde sie sicherstellen wollen, auch nicht nur ein Fünkchen für sich zu behalten.
GleichGleich würde es beginnen
Sie hob Khelderon an, ließ ihn nur dezent über den Boden schweben und richtete die linke Hand auf, um diese waagerecht hinter dessen Spitze zu halten.
Noch einmal atmete sie tief ein, kniff die Lider fest zusammen und legte all ihr Vertrauen in das eigene Gespür.
Jetzt!

Ellignua!“

Mit einem Ruck schwang die Ergraute den Stab nach oben und ließ ihn danach zügig und kräftig mit dem unteren Ende in den erdigen Boden schnellen.
Eine kleine, farblose Druckwelle wurde freigegeben, fegte über den Wald, die Stadt Kuer und durch die unzähligen Fenn hindurch.
Sie war stark, jedoch angenehm.
Eine warme, zugige Brise, wie man es so nennen könnte.

Und dann war es still…

Neugierig und ungehalten blickte Maro umher, suchte vergeblich nach einer Veränderung in der Umgebung, doch konnte er sie eben nicht finden.
Man hatte ihm so häufig von diesem zauberhaften Spektakel erzählt, allerdings sah sein Umfeld noch ganz genauso aus, wie auch zuvor. Von etwaiger Magie, da fehlte jede Spur.
Noch einmal ließ er seinen Blick umherschweifen, erprobte sich immens daran, doch mindestens einen winzigen Unterschied zu sehen, aber scheiterte er erneut.
Es sah alles noch genauso aus, wie auch schon zuvor.
Die Essensstände befanden sich an ihren vorherigen Plätzen. Die Räucherschalen an der Eimh gaben weiterhin ihren seichten, zarten Duft in nebelartiger Form ab. Der Platz der Sage – der umgekippte Baumstamm – lag auch noch dort, wie auch zuvor. Und all die Anwesenden verfügten über das gleiche Antlitz.
Nein, hier hatte sich nichts geändert. Einzig und alleine das leichte Pulsieren im Boden hörte man noch, wenn man sich denn arg darauf fokussierte.
Aber das alles… Das hatte nichts mit Mystik zu tun.
Das war kein zauberhaftes Schauspiel. Das war kein faszinierender Anblick.
Hier blieb doch alles gleich.
Wo war denn die Magie, von der man ihm so überschwänglich und freudig erzählt hatte?
„Naidan, ich glaube, es hat nicht funktioniert“, flüsterte er deshalb dem Älteren des Trios zu, woraufhin dieser ihm einen Seitenblick schenkte und dann wieder nach vorne zu der Weisen sah, die ihren treuen Begleiter mit ausgestreckten Arm weit hoch in die Luft hielt: „Doch, das hat es. Schau genau hin.“
„Eh?“
Schlagartig folgte Maro dessen Blick, beäugte Garda eindringlich, als diese plötzlich einen weiteren Vers von den Lippen ließ: „Lagoda Luminar!“

Und so zaghaft und schleichend sich der Anbeginn gestaltete, so flink und geschmeidig verlief nun das eigentliche Ritual.

Von allen Seiten kam der einstig ausgeströmte Wind zurück, strich an den Hausdächern, Essständen, dem klaren Nass und den Fenn entlang, sowie auch aus dem angrenzenden Wald hinaus.
Aber blieb es nicht bei einer normalen Böe.
Von kleinen, grünleuchtenden Pollen wurde er begleitet, trug sie durch die Lüfte und ließ sie auf und ab tanzen, während sich unter den Füßen mystische Adern der gleichen Nuance durch den Boden bewegten und zielstrebig auf die Weise zusteuerten.
Unter ihr sammelten sie sich, bündelten die Form zu einem großen Kreis, als sich der Blütenstaub um sie herum wie eine Wand formte und an ihr hinaufstieg, direkt zur Spitze des Stabes. Und um diesen tummelte er sich, festigte alle Pollen aneinander und schwebte schlussendlich in der Form einer riesigen Kugel über Khelderon.

„Siehe hin, Maro. Das ist der Pollenschauer“, kommentierte es Naidan, ohne auch nur einmal den Blick von dem wundersamen Schauspiel abzuwenden, woraufhin der Jüngste seinen Mund zu einem Kreis formte: „Wow…“
„Jetzt gleich müssten sie kommen.“
Sie?“
„Na, die Falter.“

Zum wiederholten Male verbreitete sich die Ruhe und erfüllte die Straßen von Kuer.
Der Wind hatte sich gelegt. Kein Rauschen war in den bewachsenen, dunklen Baumkronen zu vernehmen und selbst die Eimh wirkte mit all ihren Rinnsalen beinahe so, als würde das ihr inne lebende Wasser zu einem Stillstand gelangen. Man hätte meinen können, die Zeit wäre eingefroren.

Und dann raschelte es. Tief im Geäst, zwischen Blättern und Zweigen. Dort im saftigen, erblühten Grün, dort näherte sich dieses Geräusch.
Zittrig. Eifrig. Und in übergroßer Anzahl.

„Maro?“, beugte sich die Mutter des kleinen Jungspunds zu dessen rechten Ohr hinab, weswegen er sogleich aufhorchte und sie leise anhing: „Wenn die Pollen sich absetzen und weiterhin leuchten, bestäube die Finger und zeichne das Siegel an unsere Tür.“
„Verstanden“, nickte er ihr zu und lächelte breit.

Lauter. Immer lauter.
Die kleinen, transparenten Flügelchen schnellten in einer Schar an jedwedem Hindernis vorbei, trugen ihre Besitzer schleunigst zur auserkorenen Quelle der Natur und eilten sehnsüchtig zu dem Relikt.
Es waren unzählige Lichtfalter, die sich durch das Gebüsch drängelten und von dem Lockduft getrieben wurden, den Garda mittels Khelderon freisetzte.
Und dann preschten sie förmlich aus dem Forst hinaus und verkörperten somit eine regelrechte Wand aus Insekten, die allesamt zur geformten Kugel wollten.
An der Alten vorbei und wie ein Wirbelsturm umkreisten sie sie, um dann zur Stabspitze zu fliegen und sich an dem wohlduftenden Blütenstaub zu laben.
Und Garda wartete geduldig.
Sie ließ jeden Einzelnen davon kosten, damit auch nicht einer zu kurz kam oder leer ausgehen musste. Jeder sollte sich nähren. Nicht eine einzige Polle der Verschwendung verfallen.
Es war interessant.
Man nannte sie Lichtfalter, obwohl sie keinerlei Farbe besaßen. Kein einziges Muster schmückte die Flügel und auch der kugelige Körper mit den schmalen, abgerundeten Fühlern war fast schon durchsichtig. Einzig und alleine nachdem sie gespeist hatten, ihre Mägen gefüllt waren, so fluoreszierten sie förmlich, sobald die Dunklung einbrach.
Nur dann erhielten sie diverse Tönungen. Und nur an diesen erkannte man das Alter eines Lichtfalters.
Mittels Khelderon kontrollierte sie diese Tierchen.
Eine Polle zum Speisen. Eine Polle zum Tragen.
So verlangte es der Brauch.
Und als sie bezeugen durfte, dass wohl allesamt ihren Anteil erhielten, ließ sie den nächsten Befehl folgen.

Balamus mil Fallina!“

Und das war das Signal.

Die gebündelten Adern verblichen, die gehaltenen Pollen wurden freigegeben und schlagartig schwärmten die Falter aus. In kunterbunten Farben begannen ihre Körper zu leuchten, sodass ihr inneres Licht bis in die Fühler und Flügel erstrahlte.
Garda fuhr herum, begutachtete die Szenerie am Firmament, während die kleinen Insekten über die Köpfe der Fenn flogen und in ihrem flatternden Heer ganz Kuer erhellten.
Der getragene Blütenstaub wurde in der Höhe fallengelassen, rieselte friedlich und verspielt herab und setzte sich auf die Dächer, Straßen und Kupferschalen. Und selbst das Wasser der Eimh wurde verziert, sodass die gesamte Stadt in zahllosen, grünen Punkten aufschimmerte und die Lichtfalter den dunklen Himmel in sämtliche Nuancen tauchte.
Es war unbeschreiblich. Es war magisch.
Und es war ein Panorama, bei welchem Worte nicht genügten, um es zu unterstreichen.
Man musste es sehen. Man musste dabei sein.
Nur dann war es möglich, dieses eindrucksvolle Bild und die Faszination einzufangen und zu erleben.
„Maro, es ist soweit“, holte ihn seine Mutter zurück aus dem Entzücken, woraufhin dieser breit grinsend zu Naidan und Leud schaute und schleunigst machte sich das Trio auf, die Gnadenszeichnung an die Tür zu malen.

Auch dies war ein Teil der Tradition.
Die Gnadenszeichnung musste von einem Kind angebracht werden, da diese rein und unschuldig waren. Sie besaß auch keinerlei vorgegebene Form, denn jeder Jungspund sollte sie selbst entwerfen und damit verdeutlichen, wie seine Bitte geschrieben als Sigille an die Gottheit Fendiril gerichtet wurde.
Ein durch und durch reiner Wunsch nach Segen, gezeichnet von den unschuldigen Fingern und gelenkt von der Fantasie.
So war es Brauch. Und so sollte es sein.

Maro stand vor der hölzernen Schwelle zu seinem Heim, erkannte neugierig und mit glänzenden Augen den leuchtend grünen Blütenstaub auf seiner rechten Handfläche und überlegte gar nicht lange, sondern zeichnete sofort drauf los.
Ein senkrechter Strich nach unten, darunter ein einzelner Punkt. Und dann drei Punkte nach oben vom Strich hinweg.
Es wirkte simpel. Es wirkte vereinfacht, pur und ehrlich.
Manche Fennkinder malten die skurrilsten Formen und Schnörkel auf die dunklen Türen, aber er war zufrieden, denn es drückte für ihn alles aus.
Der untere Punkt stand für die Göttin. Der senkrechte Strich für alles, was sie mit ihnen verband.
Und die drei oberen Punkte verkörperten seine Mutter, seinen Vater und ihn.
Und so war dies seine Interpretation des ersuchten Schutzes.

„Es war wie immer ein großartiges Schauspiel“, trat ein männlicher Fenn an die Alte heran, hatte sich kurzweilig von der Gruppe entfernt und sah zufrieden, wie auch seine Tochter überglücklich das Haus segnete: „Nun kann die neue Wende kommen. Auf dass sie nicht allzu hart für uns wird.“
„Dafür glauben wir und huldigen Fendiril. Sie wird uns schützen und uns Beistand leisten. Selbst in den dunkelsten Zeiten.“
„Ja, da hast du Recht. Bis jetzt hat es immer sehr gut geklappt“, schmunzelte der Blonde ihr zu, wanderte dann jedoch mit seinen Irden hoch zur Spitze Khelderons und legte stutzig das Haupt in die Schräge: „Huh? Das ist aber ungewöhnlich. Anscheinend gehorchen dir die Falter nicht mehr so, wie früher.“
Etwas irritiert über seine Aussage, folgte sie seinem Blick und konnte somit ebenfalls den letzten Falter erspähen, welcher sich – entgegen ihres Befehls – nicht über der Stadt verteilt hatte, sondern ruhig auf dem uralten Relikt saß.
Seine dünnen Beinchen hielten sich am Holz fest. Mit den Ärmchen trug er die einzelne, runde Polle, deren grünes Licht allmählich abschwächte.
Neckisch zuckten seine Fühler auf und ab, während er den Kopf nach rechts und links bewegte, als würde er mit ihr kommunizieren.
Ihre Lippen öffneten sich leicht. Ihre Pupillen wurden größer.
Und nur leise und gar nicht auf ihre Umgebung achtend, ließ sie verlauten: „Eine Botschaft?“
„Wie bitte? Was hast du gesagt?“, erwiderte der Fenn perplex, denn so richtig hatte er es nicht verstanden: „Meinst du wirklich, das hat etwas zu bedeuten? Das ist doch bloß ein Falter.“
„Nein, ist er nicht. Er hat eine Bedeutung.“
„Und welche?“
Schweigend und fest guckte sie ihn an, als der einstig grüne Blütenstaub vollends verklang und just hielt das kleine Tierchen nur noch eine blassweiße Polle fest, aber traktierte er sie förmlich weiter.
„Na ja, wer weiß. Ist ja auch nicht so wichtig“, schmunzelte der Blonde, hob noch einmal die linke Hand und begab sich wieder zurück zur Truppe der Einwohner: „Auf jeden Fall möchte ich dir auch bei dieser Windwende für diese tolle Zeremonie danken. Das war – wie immer – sehr schön gewesen.“

Und so schritt er von dannen und ließ die Weise zurück.

Ein leichtes Lächeln legte sich auf Gardas Lippen. Ein kleines Tränchen rang ihre Wange herunter, als sie den Lichtfalter mit dem violetten Körper eingehend betrachtete und schlussendlich nur eine einzige Silbe flüsterte: „Wandel…“

Nun stehet da voll Tatendrang
Kommt Wende mit dem Wind
Steigt ein in dies lieblich Gesang
Steig ein, steig ein, mein Kind.

Über den Autor

Jenni ist bei Beyond Worlds die Person mit dem besten Gespür für fantastische Elemente, daher versorgt sie uns auch stetig mit neuen Werken in den Bereichen Lyrik, Kurzgeschichten und Artworks. Außerdem kümmert sich Jenni um unsere Außendarstellung und versorgt YouTube immer mit neuen, schönen Updates.

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