Wenn ich groß bin, werde ich auch ein Meistermelder! Das war der Traum der beiden Wolbys Trinni und Kalu. Denn während andere Jungwolbys sich lieber in der Sonne badeten, schauten die Beiden angestrengt ihrem Vater beim Training zu. Dieser war übrigens seit vier Windwenden stets Sieger des großen Wolbyrennens.

Da er diesen Morgen einen wichtigen Auftrag erhalten hatte, ging er auch heute noch einmal seinem Training nach. Es handelte sich um eine Botschaft von Garda, welche er der Grünen Brigade in Kronenwacht überbringen sollten. Dabei musste er eine gefährliche Reise antreten.

Immer wieder waren auf dieser Route Wolbys verschwunden. Und das trotz ihrer Schnelligkeit und größter Vorsicht.

Sie rannten am Renngraben ihrem Vater hinterher, als dieser beim Trainieren war, um dann aber festzustellen, dass die kleinen Pfoten doch noch nicht dem Tempo folgen konnten. Spaß hatten die Zwei aber trotzdem dabei.

Doch plötzlich sahen sie nur, wie ihr Vater ein kleines Fleckchen Gras durchkreuzte und auf einmal ins Stolpern geriet. Ein kleiner Stein ragte verborgen zwischen den Halmen heraus. Einen schmerzlichen Laut gab der Vater von sich. Besorgt rannten seine Kinder zu ihm.

„Was ist denn passiert? Ist alles in Ordnung?“, fragte Kalu.

“Da war ein Stein im Gras versteckt. Ich glaube, ich habe mir die Pfote verstaucht. Und das ausgerechnet jetzt, wo ich doch morgen einen solch wichtigen Auftrag zu erledigen habe.“

„Oh nein, was denn jetzt?“

Nachdenklich hob der Vater seine verletzte Pfote an. „Ich weiß auch keine Lösung, aber ich muss unbedingt diesen Auftrag erledigen.“

Trinni überlegte kurz und hatte sogleich einen Vorschlag: „Was hältst du davon, wenn wir diese Nachricht für dich überbringen?“

„Nein, das ist viel zu gefährlich für euch!“

„Aber Vater!“, stand Kalu seiner Schwester bei, „Der Auftrag ist doch so wichtig und wie du weißt, möchten auch wir unbedingt Meistermelder werden. Das wäre die Gelegenheit, um uns zu beweisen.“

„Außerdem warst du in unserem Alter, als du deine ersten Aufträge bekommen und ausgeführt hast“, fügte Trinni hinzu. „Denk noch einmal darüber nach.“

Einerseits war die Reise gefährlich. Andererseits hatte die Beiden nicht ganz unrecht mit dem, was sie da sagten. Zudem konnte er den Auftrag unmöglich verstreichen lassen. „Na gut, aber nur unter der Bedingung, dass ihr beide gemeinsam geht und mir versprecht, gut aufeinander Acht zu geben.“

„Versprochen!“, gaben die Zwei im Chor von sich.

„Und wenn es gefährlich wird, nehmt ihr Reißaus. Keine waghalsigen Aktionen.“

„Versprochen“, wiederholten sie.

„Und wenn es zu gewagt wird, kehrt ihr sofort um und kommt direkt nach Hause. Vertraut keinem Fremden! Und überschreitet niemals die Grenze zu Senktal!“

„Ja, Vater, versprochen…“, gaben sie noch leicht genervt von sich, während Trinni mit den Augen rollte.

„Das habe ich gesehen“, ermahnte sie der Vater tadelnd.

Schmollend schaute Trinni zur Seite, woraufhin Kalu lächelte und sagte: „Das hast du nun davon, wenn du immer so frech sein musst.“

Gerade wollte sie etwas erwidern, doch kam ihr der Vater zuvor: „Beginnt nun nicht so kurz vor eurer Reise euch zu zanken. Ihr werdet einander brauchen.“

Kurz schauten sie sich noch einmal an und stimmten dann ihrem Vater zu: „Du hast ja Recht.“

„Gut, dann stärkt euch noch einmal, schlaft noch ein wenig, um zu Kräften zu kommen und dann beginnt ihr euer Abenteuer.“

Frisch gestärkt und bepackt mit einer Meldertasche – die typische Ledertasche eines jeden echten Meistermelders – traten Trinni und Kalu ihre Reise nach der Dunklung an.

„Lass uns die Abkürzung durch den Senktaler Wald nehmen“, sagte Trinni zu Kalu, zischte kichernd an ihm vorbei und verschwand im Höhlensystem. Es gibt unendlich viele Höhlensysteme in Isdraia, die die Wolbys nutzen, um ihre Reisen abzukürzen.

„Hey, lass uns zusammenbleiben!“, rief Kalu und hetzte Trinni hinterher.

Als beide nach einem langen Marsch endlich wieder die Höhlen verlassen konnten, raschelte und fauchte es irgendwo aus der Ferne. Nicht weiter darüber nachgedacht, machten beide eine kurze Rast. Auf einmal gab es ein lautes Gebrüll aus einem benachbarten Gebüsch. Sie hatten offenbar ein Bento geweckt, welches bereits in ihre Richtung rannte. Beide erschraken sich so sehr, dass man denken könnte, sie wären beim Wegrennen schneller als ihr Vater gewesen. Das Bento verfolgte beide – hungrig und tobend vor Wut – durch Gestrüpp, Gräben und Geäst. Es kam immer näher, bis es urplötzlich verschwunden war. Sie vermuteten, es hatte sich in den ganzen Lianen der wilden Penjabäume verheddert. Beide rannten weiter, ohne hinter sich zu schauen.

„Renn‘, Kalu, renn‘ einfach weiter, sonst erwischt er uns noch!“

Völlig erschöpft kamen sie einige Zeit später an einem Feld an, auf welchem sie sich eine Weile ausruhten, bevor die Dunklung eintrat. Dass ihre Abenteuerreise so gefährlich werden würde, hätten beide wohl nicht gedacht.

„Puh, da haben wir aber nochmal Glück gehabt…“, schnaufte Kalu und schaute seiner Schwester in die Augen.

Trinni entgegnete: „Quatsch! Wir sind einfach ein großartiges Team!“ Sogleich kicherte sie.

Die zwei Wolbys badeten sich noch ein wenig in den letzten Sonnenstrahlen, kuschelten sich aneinander und schliefen vor Erschöpfung ein, während der hohe Weizen sie vor fremden Blicken schützte.

Kalu, geweckt durch ein ständiges Hell und Dunkel, rieb sich den Schlaf aus den Augen. Hoch oben am Himmel sah er noch etwas verschwommen ein wunderschönes Geschöpf durch die Wolken gleiten. „Was ist das bloß?“, fragte er sich, denn so etwas hatte er noch nie zuvor gesehen. „Trinni! Trinni, wach schnell auf!“, rief er und stupste hektisch an der Schulter seiner Schwester. „Schau mal nach oben! Kannst du das auch sehen? Was ist das?“

Als Trinni nun endlich auch wach und bei Sinnen war, sagte sie: „Das muss so ein Mentauri sein, von dem Papa immer nach seinen Reisen berichtet.“

„Bist Du sicher?“, entgegnete Kalu.

„Ja, ich glaube schon.“

Noch von dem am Himmel kreisenden Mentauri begeistert, hatte Kalu natürlich gleich schon wieder Quatsch im Kopf und startete den Versuch, vom Boden abzuheben. Wie wild geworden rannte er hin und her, sprang von einem hohen Stein und zappelte hektisch mit den Pfoten herum. Plums! Voll auf die Nase.

Trinni bekam einen Lachanfall, quiekte wie verrückt und warf sich auf den Boden. „Was ist denn mit dir los? Wir können doch nicht fliegen. Du bist aber ulkig“, kicherte Trinni noch immer im Gras liegend.

Kalu, nun auch über sich selbst lachend, tollte noch eine Weile mit seiner Schwester herum.

Voller neuem Tatendrang und gestärkt von einem leckeren Frühstück, waren beide bereit, ihre Reise fortzusetzen und die Rohsteige zu verlassen, um schnellstmöglich wieder nach Hause zu ihrer Familie und ihren Freunden zu kommen. Denn es gab nun auf dem restlichen Teil ihrer Reise kaum noch Strecken, die von einem Tunnelsystem durchzogen waren, um ihren Ausflug etwas abzukürzen. Das erschwerte die Reise sehr, da die vielen Hügel in Mittschlingen immer noch einiges von den beiden abforderten.

„Los geht‘s, Trinni“, animierte Kalu seine Schwester. „Auf geht‘s durch Mittschlingen!“

Voller Vorfreude und geradezu übereifrig flitzten die Beiden über die saftig, grüne Wiese. Vorbei an einigen Baumstämmen und Sträuchern und über den ein oder anderen kleinen Hügel. Nicht weit von einem Baum mit schwungvollen, dunkelgrünen Blättern machte Kalu plötzlich Halt, hob die Nase und lauschte dabei mit seinen kleinen Öhrchen.

„Was hast du denn? Wir müssen weiter“, sagte Trinni, stoppte nun auch und blickte zu ihm.

„Hörst du das?“

„Was meinst du?“, fragte sie und stellte sich dabei auf ihre Hinterläufe, um das Feld zu überblicken. Doch eine Gefahr drohte nicht. Das Rascheln der Blätter sowie das Gezwitscher der Vögel waren den Zweien nicht unbekannt.

Kalus dunkle Knopfaugen sahen zu der dichten Baumkrone und als der Wind die großen Blätter nach links strich, da schmunzelte er und sprach: „Schau doch! Dort oben, Trinni.“

Sofort blickte sie auf, blinzelte einmal und lächelte dann ebenfalls.

Dort, geschützt und kaum zu erkennen, befand sich ein kleines Vogelnest. Und aus diesen geflochtenen Zweigen schauten drei kleine Jungtiere mit flauschigen Federn ganz ungeduldig zu ihren Eltern. Der Vater vollzog mit seinen kleinen Krallen ein paar Hüpfer, während die Mutter den Kopf schräg legte und ein kurzes Zwitschern von sich gab. Und dann ging es los. Das war wohl das Startsignal zum Essen gewesen. Unverzüglich begannen die Kleinen zu Fiepen und zu Piepen, als sie die Nahrung aus den Schnäbeln der Eltern entgegennahmen. Etwas tapsig stellte sich das eine an und versuchte sich daran mit den kleinen Flügelchen zu schlagen, doch war es noch zu jung zum Fliegen.

Die beiden Wolbys beobachteten das Ganze, als Kalu sagte: „Ich freue mich schon darauf wieder Zuhause zu sein und unserem Vater bei seinem nächsten Wettrennen zusehen zu können.“

„Ja, darauf freue ich mich auch. Aber vielleicht können wir beim nächsten Mal auch daran teilnehmen“, erwiderte Trinni, woraufhin ihr Bruder kurz mit der Nase wackelte.

„Meinst du wirklich?“

„Na klar! Wenn wir diesen Auftrag erfolgreich beendet haben und wieder Daheim sind, dann bin ich mir sicher, dass Vater uns ebenfalls mitmachen lässt.“

„Das wäre toll! Vielleicht kann er uns auch ein paar Trainingstipps geben!“

„Das wäre super! Er hat uns nie verraten, wie er seinen Hakenschlag beim Rennen so gut ausführen kann, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren.“ Kurz atmete Trinni die seichte Brise ein, bevor sie anhing: „Und nun lass uns keine Zeit verlieren und weitergehen. Ich möchte endlich wieder heim zu Mama und Papa und von Mamas leckeren, süßen Brot naschen.“

Da funkelte es in Kalus Augen. „Hm, lecker.“

„Du denkst auch immer nur ans Essen. Deswegen kommst du mir auch nie beim Rennen hinterher“, kicherte Trinni und flitzte wie ein wildgewordener Glimmerwolf an Kalu vorbei.

„Hey, warte auf mich!“, rief er hinterher und machte sich ebenfalls schleunigst auf den Weg.

Um nun aber keine weitere Zeit mehr zu verlieren, rannten sie ohne eine Pause im Eiltempo bis nach Kuer, denn erst hier wollten sie sich ausruhen und mit einer Mahlzeit stärken. Die Beiden benutzten jedes Tunnelsystem, das sie finden konnten. Wolbys hatten nun mal ein Gespür dafür, diese Tunnel zu finden.

Während der Dunklung in Kuer angekommen, suchten sich die Zwei völlig erschöpft eine Wolbymelder-Unterkunft. Solche Unterkünfte gibt es im ganzen Fennreich und sie bietet für jeden Wolbymelder einen Platz zum Schlafen.

„Wir haben es fast geschafft“, sagte Trinni zu Kalu und kuschelte sich an ihn. Beide schliefen direkt ein.

„Hey, hör auf! Das kitzelt!“, lachte Kalu und rieb sich die Nase.

Trinni wackelte mit ihren Öhrchen und kitzelte damit Kalus Nase. Sie träumte wohl wieder von einem ihrer Rennen gegen Mannu.

„Was daran so aufregend war, verstehe ich auch nicht so genau“, dachte sich Kalu. Schließlich war Mannu so dick wie eine pralle Penjafrucht und kam Trinni sowieso nicht im Geringsten hinterher. „Wach auf, du Schlafmütze“, rief Kalu nun und stupste Trinni ungeduldig an. „Lass uns aufstehen, frühstücken und endlich weitergehen. Es ist nun nicht mehr weit. Spätestens bis zum Einbruch der nächsten Dunklung schaffen wir es nach Kronenwacht.“

Die Beiden öffneten die Tür ihrer Unterkunft und bekamen erst einmal schöne, wärmende Sonnenstrahlen ins Gesicht.

„Hm… Tut das gut. Ich glaube, nach den ganzen Anstrengungen werde ich, sobald wir wieder zu Hause sind, mich erst mal zum Faulenzen in die Sonne legen“, äußerte Trinni.

Langsam gewöhnten sich ihre Knopfaugen an das helle Licht und sie konnten diesen kaum trauen bei dem, was sie dort alles sahen. Es war alles so riesengroß. Eine riesige Stadt mit so vielen Wolbyfamilien. Gerne wäre Kalu noch etwas hiergeblieben, um sich alles anzuschauen, aber der Auftrag war zu wichtig und er wollte wieder heim zu Mama und Papa.

„So, die Meldertasche anlegen und los geht’s“, befahl Trinni ihrem Bruder.

Kaum hatten sie Kuer verlassen, hoppelten die Zwei gekonnt über Stock und Stein, als würden sie sich selbst ein Rennen liefern.

„Du wirst nie eine Chance gegen mich haben“, hechelte Trinni Kalu angeberisch zu.

„Papperlapapp! Wenn ich nur fleißig weiter trainiere, werde ich dich schon noch eines Tages überholen“, erwiderte Kalu. Sichtlich genervt hing er an ihren Fersen, strengte sich nun aber nur noch mehr an.

„Stoooop!“, rief Trinni plötzlich.

„Was ist denn nun los?“, fragte Kalu völlig außer Atem.

Ein Grinsen und ein erleichterter Gesichtsausdruck zierten die Schnauze seiner Schwester. „Wir sind da! Wir haben es endlich geschafft. Siehst du die Holzpalisaden zwischen den Bäumen? Das ist Kronenwacht! Papa sagte, wir müssen den Brief bei Lulluh abgeben. Sie hat ihr Quartier in einem blauen Zelt.“

Gesagt, getan. Die beiden Geschwister betraten zusammen eines der Palisadentore und hielten Ausschau nach einem blauen Zelt, was nicht schwer zu finden war, da dies das einzige Blaue war.

„Hier ist es“, sagte Kalu ganz unruhig zu seiner Schwester. Sie betraten das Zelt, tapsten voller Stolz auf Lulluh zu und übergaben ihr das Ledertäschchen mit der Botschaft.

„Na, ihr seid ja zwei süße, kleine Melder. Ihr habt bestimmt Hunger nach solch einer Reise. Hier, nehmt ein paar gesüßte Brotstücke, ruht euch etwas aus und nach der Dunklung dürft ihr mit eurem Täschchen und der Bestätigung zurück nach Fennquell. Und nun husch nach draußen mit euch.“

Mit knallroten Bäckchen beklagte sich Trinni: „Hat die gerade klein gesagt? Wir sind jetzt auch schon Meistermelder und ich bin schon groß. Die hat ja keine Ahnung!“

Kalu rollte mit den Augen, machte sich über das süße Brot her und ignorierte gekonnt das Gemecker seiner Schwester.

„Whua!“, erklang es. Noch völlig verschlafen wurde Kalu von Trinni angerempelt. Das war ihre nette Art zu sagen: „Steh endlich auf, du Faulpelz!“

Kalu rieb sich den Schlaf aus den Augen, schüttelte sich kurz und steckte sich gleich nochmal ein paar Stücke des leckeren Brots als Reiseproviant ein. Er meinte zu seiner Schwester: „Man weiß ja nie, wann es wieder etwas davon gibt.“

Ohne darauf einzugehen und mit schüttelndem Kopf sagte Trinni: „Lass uns noch schnell die Tasche mit der Bestätigung im Melderzelt abholen und uns endlich auf den Heimweg machen. Ich bin ja mal gespannt, was die anderen sagen werden, wenn wir denen von unserem Abenteuer berichten.“

Im Zelt angekommen streifte ein Soldat Trinni das Ledertäschchen über die kleinen, runden Öhrchen und schnallte sie zu. „Na los ihr Zwei, macht euch auf den Heimweg.“

Vor dem Zelt sanft abgesetzt, machten sich die Beiden unverzüglich auf.

Zwei Dunklungen später entdeckte Trinni ein Tunnelsystem, welches sie trotz ihren typischen Wolbyinstinkt nicht richtig deuten konnte. „Kalu, sagt dir dieser Tunnel vielleicht etwas? Ich bin mir nicht mehr sicher, wo wir gerade sind“

„Bitte was?“, erwiderte Kalu. „Du möchtest mir jetzt aber nicht sagen, dass wir uns verlaufen haben, oder? Das haben wir nun von deiner ständigen Eile. Weißt du wenigstens, wo wir uns ungefähr befinden?“

„Nun ja, wir müssten eigentlich in Mittschlingen sein, aber das sieht hier alles anders aus. Lass uns schauen, wo uns der Tunnel hinführt“, sagte Trinni unsicher.

„Na gut, aber du gehst vor! Wer weiß, wo wir da rauskommen“, erwiderte Kalu genervt und genauso unsicher, wie Trinni.

Endlich – nach einer Ewigkeit – erreichten die zwei Wolbys den Ausgang. Was die beiden sehen konnten waren aber keine saftigen Wiesen, sondern Wald. Dunkler, dichter Wald. Bäume und Gestrüpp, dicht aneinandergereiht, soweit das Auge reichte.

„Was hast du?“, fragte Kalu.

„Es ist alles meine Schuld. Wegen mir haben wir uns verlaufen.“ Aus den Knopfaugen der sonst so starken Trinni kullerten kleine Tränchen, welche sie erfolglos versuchte vor Kalu zu verstecken.

„Jetzt denk nicht soviel darüber nach, Schwesterchen. Ich spüre, dass wir irgendwo in der Nähe der Rohsteige sind. Lass uns kurz hier ausruhen und dann werden wir sicher schon bald einen Weg finden. Da bin ich mir ganz sicher!“

Die beiden Wolbys machten es sich an einem Baumstamm gemütlich. Kalu, wie meistens, wenn er eine kleine Pause machte, holte das zuvor eingepackte Brot heraus und schaut seine Schwester an. „Na, willst du nun auch ein Stück?“, sagte Kalu grinsend.

„Na gib schon her, du Vielfraß“, rief sie und kaschte ihm das Brot grinsend aus der Pfote.

Auf einmal fing Kalus Nase an zu zucken. Die Härchen stellten sich auf. „Riechst du das auch, Trinni?“

Sofort nahm auch sie den Geruch wahr. „Was ist das nur für ein Gestank?“

Es knackte. Es raschelte. Ein immer lauter werdendes Trampeln war zu hören. Trinni und Kalu zuckten erschrocken zusammen und sahen sich ängstlich an. Danach blickten sie in die Richtung, aus der die Geräusche und der Geruch kamen. In diesem Moment sprang ein Senktaler aus dem Gebüsch. Beide schauten ihm tief in die Augen, bevor sie registrierten, in welch einer Gefahr sie sich befanden. Der Senktaler griff nach Kalu. Trinni schrie: „Pass auf! Laaaauf!“

Kalu sprang erschrocken in die Luft, stieß sich mit aller Kraft zuerst an einem Baum und anschließend am Kopf des Senktalers ab und entwich so seiner schaudernden Hand. Sie rannten vor lauter Angst einfach geradeaus, sprangen gekonnt über Steine und Äste, ohne einmal hinter sich zu schauen.

Und da passierte es.

Mitsamt einer Drehung vollführten sie einen großen Satz durch die Luft und gelangten so über eine große Dornenwand. Plums! Ein Gefälle, mit dem Beide nicht gerechnet hatten, sodass sie den Abhang hinunter purzelten. Wie zwei Wollkugeln rollten die Wolbys hinunter, bis sie vor einem großen Loch zum Stillstand kamen.

„Schnell rein, bevor uns der Senktaler noch einholt!“, rief Trinni, durch den Sturz noch ganz benommen, ihrem Bruder zu. Bevor Sie den Satz zu Ende gesprochen hatte, war Kalu schon im Tunnel verschwunden. Wie von Sinnen hetzte sie ihm hinterher, sprang hinab und fand sich mit ihm zwischen den erdigen, runden Gängen wieder.

Sie flitzten gefühlte zwei Dunklungen die immer steiler werdenden Gänge hinauf und konnten dann irgendwann endlich durch einen hellen Ausgang die Tunnel verlassen. Noch leicht geblendet trauten sie ihren Augen kaum. Hoch oben auf der Hügelkuppe – der allseits bekannten Hügelkuppe von Fennquell – kamen beide ans Ende ihrer Reise.

„Jetzt weiß ich, warum in diesem Teil von Fennquell keine Jungwolbys dürfen. Dieser Weg führt ins Senktal“, sagte Trinni zu Kalu, überglücklich endlich wieder zuhause zu sein. „Los, schnell Heim zu Mama und Papa.“

Nichts hätte die Zwei nun noch aufhalten können. Wie bei einem Wettrennen sprinteten sie im Eilmarsch voller Stolz mit ihrer Meldertasche zu ihrem Haus. Die Tür aufgerissen, stürmten sie auf ihre Eltern zu, die durch die Wucht zu Boden gerissen wurden. „Ihr beide habt es wirklich geschafft. Ihr seid wahre Meistermelder!“, begrüßte sie ihr Mutter und schmuste ihre zwei Kinder überglücklich darüber, dass diese wieder zurück waren.

Mit seinen großen, runden Augen überflog der Vater die Zwei, sodass sein Blick auf die Meldertasche fiel. Durch den Schwung fiel die Bestätigung von Lulluh heraus und er hätte nicht stolzer auf seine Kinder sein können. „Das habt ihr wirklich großartig gemacht. Ihr habt es euch wirklich redlich verdient, am nächsten Wolby-Wettrennen teilzunehmen.“

„Wirklich?“, fragten die beiden Geschwister im Chor, und als ihr Vater zustimmend nickte, sahen sie einander zufrieden und mit wackelnden Näschen an. „Verrätst du uns dann auch endlich das Geheimnis deines Hakenschlags?“, fragte Trinni sogleich ganz neugierig, woraufhin sich Kalu sofort eingliederte: „Ja, wir wollen unbedingt wissen, wie du diesen so perfekt hinbekommst!“

„Ja, das werde ich. Mit diesem Ausflug habt ihr bewiesen, dass ihr wahrlich das Zeug zu einem Meistermelder habt. Aber zuvor lasst uns etwas essen und dann legt euch schlafen“, antwortete der Vater lächelnd.

Über den Autor

Thomas ist unser Mann für Videos, Bilder und Illustrationen. Er kümmert sich um die fachgerechte Aufbereitung unserer Inhalte, betreut begeistert die ECG-Testspieler und ist außerdem Autor unserer kinderfreundlichen Beiträge. Als Papa weißt er schließlich, was bei den Kids gut ankommt.

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